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     October 19, 2019 18:51 CET
 


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Wie kann man das Lesetempo steigern?

Ich möchte gern überdurchschnittlich schnell lesen lernen und die entsprechenden Informationen effizient erfassen. Können Sie mir dazu einige Tips geben? Das würde mich persönlich sehr interessieren.
Sonja Burger, CH-8231 Hemmental

Antwort: Diese Frage sagt aus, dass Sie gern lesen, durch Lesen an Informationen herankommen möchten, aber dafür nicht genügend Zeit haben. Ihnen scheint es um das informierende und selektierende Lesen zu gehen, mit dem man angesichts der technischen Errungenschaften täglich konfrontiert wird. Man kann also, wie man sieht, auch zwischen den Zeilen lesen... Manchmal steht mehr zwischen als auf den Zeilen.

Wegen meiner eigenen, durch nichts zu bremsenden Lesebegeisterung zielt meine nachfolgende Antwort vielleicht im Wesentlichen an Ihrer Frage vorbei. Mir geht es vor allem darum, auch bei allen Menschen, auf die ich einen bescheidenen Einfluss habe, Leselüste zu wecken. Dann ist es nur noch wichtig, das Lesenswerte von der Spreu zu scheiden. Auch das ist eine Sache der Übung: Manchmal helfen ein Blick aufs Inhaltsverzeichnis, das Studium der Quellenangaben, das Durchlesen des Klappentextes und Vorwortes.

Das zuverlässigste Mittel, um die Lesegeschwindigkeit zu erhöhen, ist zweifellos ein häufiges Lesen; denn gerade auch bei dieser Tätigkeit macht Übung den Meister. Und auch das Gegenteil trifft zu. Leute, die kaum je gelesen haben oder kaum noch lesen, werden zu funktionalen Analphabeten. Das sind deutschsprachige Erwachsene, die trotz allgemeiner Schulpflicht nicht oder nur ungenügend lesen und schreiben können. Sie kennen zu wenige Wörter, um einen Inhalt verstehen zu können. Das Entziffern der Buchstaben und Zusammensetzen zu Wörtern und das Verstehen des Inhaltes sind verschiedene Dinge, die vereint erst die Lesekunst ausmachen. Diese Fähigkeiten werden schnell verloren. Zu den Neoanalphabeten gehören manchmal sogar Führungskräfte und Politiker die unternehmerischen und staatsmännischen Erfolge fallen dann entsprechend aus.

In den Industriestaaten machen solche Analphabeten bereits einen Anteil von 15 bis 20% der Bevölkerung aus. Bis in die 70er-Jahre war der Analphabetismus als reines Problem der so genannten unterentwickelten Länder betrachtet worden; inzwischen aber ist der Bildungsstand vor allem in Industrieländern auf ein jämmerliches Niveau abgesunken. Besonders dramatisch ist die Lage in den USA. Eine im Jahr 2000 vom US-Kongress veröffentlichte Analyse hat ergeben, dass jeder 5. Erwachsene dort nicht einmal die Zeitung lesen kann. Solch eine Bevölkerung ist leicht manipulierbar und kaum noch ein demokratischer Faktor.

Das Lesen ist nicht nur ein Vergnügen, sondern ein elementarer Lebensbestandteil: Wer nicht lesen kann, d.h. nicht in der Lage ist, sich Texte zu eigen zu machen und sie mit Wissen und Erfahrung in Verbindung zu bringen, ist nicht ausbildungs- und weiterbildungsfähig. Die Abschaffung des Lesens, wie sie selbst die gedruckten Medien betreiben, wird am Ende zur Sprachlosigkeit führen, die Peter Handke in seinem Film "Die Abwesenheit" thematisiert hat. Darin sprechen die Menschen kein einziges Wort ein beredtes Schweigen, das erkennen liess, dass "die Stille die Quelle aller Bilder ist". Tatsächlich ist das Lesen wichtig für die Förderung der Ausdrucksfähigkeit und umgekehrt.

Eine Möglichkeit ist auch, das Gelesene nachzusprechen (laut lesen, vorlesen, labiales Lesen), was früher des öfteren vorkam, ja sogar bis zum 19. Jahrhundert üblich war. Das folgende Zitat aus Grimmelshausens "Simplizissimus" erläutert dies (in Buch I, Kap. 10): "Als ich das erstemal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich mir nicht einbilden, mit wem der doch ein solch heimlich und meinem Bedünken nach sehr ernstlich Gespräch haben müsste. Ich sahe wohl die Bewegungen seiner Lippen, hörte auch das Gebrummel, hingegen sahe und hörte ich niemand, der mit ihm redete." Auch in Cervantes' "Don Quijote" (16051616) gibt es dazu eine wahrscheinlich nicht ganz ernst gemeinte Kapitelüberschrift: "Que trata de lo que vera', el que lo leyere, o lo oira' el que lo escuchare leer" ("Handelt von dem, welches der sehen wird, der es liest, oder der hören, der es sich vorlesen lässt")[1].

Bemerkenswert ist, wie die Druckmedien der Bildungsmisere begegnen: Statt die Menschen vom Fernsehapparat wegzuholen und das Lesen zu fördern, schaffen sie das geschriebene Wort zunehmend ab und fühlen sich trendy. Die Schriften und der Leer- bzw. Weissraum auf den Seiten werden immer grösser, und Fotografien nehmen überhand. Dadurch gibt es immer weniger Gelegenheit, das Lesen zu üben. Und statt Lesekurse zu veranstalten, sponsern einige Druckereiunternehmen Sportveranstaltungen und treiben die Leute in die Stadien. Vielleicht fällt es demnächst auch einigen Fussballclubs ein, den Menschen Bücher zu schenken, damit sie daheim bleiben, auf der Ofenbank sitzen und lesen...

Wenn die Druckmedien offensichtlich immer weniger ans Geschriebene glauben, dann darf man wenigstens noch Hoffnung aufs Internet haben, das doch zu einem grossen Teil Geschriebenes vermittelt Online-Medien spielen hier eine grosse Rolle. Dieses junge Medium hat durch den praktischen E-Mail-Verkehr auch das Briefeschreiben neu belebt. Das Textatelier möchte erklärtermassen mit gründlichen, ausführlichen und lesenswerten Texten seinen kleinen Anteil zur Alphabetisierung des Netzwerks leisten.

Das Lesen ist eine anspruchsvolle Tätigkeit. Denn das gesprochene wie auch das geschriebene Wort wenden sich zuerst einmal an den Verstand. Es kommt nicht auf einzelne Buchstaben, sondern auf ganze Wörter und ihren Sinn an, der sich manchmal erst aus dem Zusammenhang heraus ergibt. Die Wörter müssen im Gehirn umgesetzt werden, bevor sie ihre Wirkung entfalten können. Das setzt eine gewisse Vorbildung und eine intellektuelle Leistungsfähigkeit voraus, die heutzutage allmählich zu verschwinden scheint. Die Töne oder Buchstaben müssen entschlüsselt oder, in zeitgemässer Sprache ausgedrückt, decodiert werden. Erst in dieser umgesetzten Form kann das Gehirn Bilder erzeugen und gefühlsmässige Reaktionen auslösen.

Deshalb lässt das Lesen den Leser die Zeit vergessen. Er schaltet alle störenden Geräusche und das Geflimmer aus, entrückt dem Alltag und ist in einer neue Welt in den Ferien ohne mühselige Anreise. Man müsste Dichter sein, um diesen intensiven Genuss beschreiben zu können. Lesen wir deshalb bei Fjodor Michailowitsch Dostojewskij nach: "Währenddem der Blick auf Buchseiten ruht, könnte neben ihm die Nachbarin laut erschlagen werden - er würde es nicht merken, und wenn, dann würde er die Tat keines Blickes würdigen...".

Die Tätigkeit des Lesens ist derart genussreich, dass die dafür eingesetzte Zeit keineswegs verloren ist vorausgesetzt, der Text erfülle jene Ansprüche, die man an ihn stellt. Dabei hat jeder Mensch sein eigenes Lesetempo und seine eigene Art zu lesen (siehe Kasten). Man sollte sich eigentlich nicht von Schnelllese-Techniken dazu verführen lassen, das angemessene Tempo, das mit dem eigenen Rhythmus und den eigenen intellektuellen Voraussetzungen übereinstimmt, künstlich zu steigern und damit zu verändern. Ob man die durchschnittlichen rund 240 Wörter pro Minute schafft oder nicht beziehungsweise übertrifft, ist sekundär. Das ist ja kein Leistungssport; hier kommt es auf Inhalte an.

Die Amerikanerin Evelyn Wood versprach in den 70er-Jahren mit ihrem Reading Dynamics ein drei- bis vierfaches Lesetempo. Mit dem Konzept des so genannten Flächenlesens ging sie davon aus, dass unser Gehirn imstande ist, ganze Wortflächen aufzunehmen und zu verarbeiten. Wer beruflich sehr viel liest, geht mit der Zeit automatisch und wohl unmerklich zu diesem Erfassen von ganzen Wortbildern und sogar Satzbildern über, zum fotografischen Lesen. Vor allem beim Durchlesen selbst geschriebener Texte stellt sich dieses Phänomen ein. Ich spüre das vor allem daraus, dass mir nicht einmal auffällt, wenn Wörter falsch geschrieben sind, irrtümlicherweise gelöscht wurden oder doppelt vorkommen. Im Gesamtbild haben solche Details wenig Bedeutung, in Bezug auf den Textgehalt allerdings schon. Texte müssen in allen Einzelheiten präzise sein.

Lesen ist ein weitgehend automatisch ablaufender Prozess, den man nicht mit allerlei Tricks in Richtung "Speed Reading" (Turbolesen) zu beeinflussen versuchen müsste. Man sollte sich dem Lesen vollständig hingeben, es geniessen und das Gelesene in Ruhe aufnehmen und verarbeiten; da geht es schliesslich auch um Nachhaltigkeit. Es hat wirklich keinen Sinn, sich bei dieser kulturell hoch stehenden, gemütlichen Tätigkeit auch noch künstlich zu stressen.

Selbstverständlich liest man ein Lehrbuch, ein Feuilleton oder einen Roman anders als zum Beispiel eine Boulevardzeitung, welche unter Überschriftenhämmern bloss Kurzfutter bietet. In einem Nachschlagewerk sucht man nur die fettgedruckten Stichwörter ab, um zum gesuchten Begriff zu gelangen. Dort angekommen, liest man dann alles gründlich, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, da ja Informationen benötigt werden. Wer Aktenberge durchackern muss, wird sich zuerst einmal über den Inhalt der Papiere vertraut machen und dann heraussuchen, was wesentlich ist und übersehen, was nichts zur Sache tut. Das ist eher ein organisatorisches Problem. Die Kulturtechnik des Lesens bedeutet auch auslesen.

Lesearten

Ein Fachautor für typografische Belange, Hans Peter Willberg, hat die verschiedenen Lesearten folgendermassen definiert:

"Lineares Lesen: Bei diesem Lesevorgang, der vor allem bei Büchern z.B. mit Romantexten eintritt, wird ein gesetzter Text Wortgruppe für Wortgruppe, Zeile für Zeile, Absatz für Absatz und Seite für Seite hintereinander gelesen.

Informierendes Lesen: Hier werden, z.B. in Zeitschriften und Sachbüchern, die Texte nicht kontinuierlich gelesen, sondern meist nur überflogen oder hin und her gelesen. Die einzelnen Textblöcke sind deshalb kurz und durch entsprechende Überschriften deutlich gegliedert. Vielfach sind die Text- und Bildinformationen mehrspaltig auf einer Seite angeordnet.

Differenzierendes Lesen: Dieser Lesevorgang ist vorwiegend im wissenschaftlichen Bereich anzutreffen. Die Texte werden von wissenden und geübten Lesern aufgenommen. Der Textumfang auf einer Seite darf gross und die Schrift klein sein, wobei Auszeichnungen der Orientierung dienen.

Konsultierendes Lesen: Beispiele für diese Leseform bieten Lexika und Wörterbücher. Es werden Informationen zu einem bestimmten Begriff gelesen. Der Leser erwartet hier eine genaue und schnelle Information, deshalb darf die Schriftgrösse klein und der Zeilenabstand gering sein. Dabei muss allerdings dann die Gliederung eindeutig erkennbar sein.

Selektierendes Lesen: Unterschiedliche Textteile wie Hinweise, Regeln, Merksätze, Tabellen, Fragen u.ä. müssen schnell und eindeutig erfasst werden. Beispiele dafür sind Schul- und Lehrbücher oder Handbücher für Computerprogramme. Verschiedene Schriftgrössen, Raster, Rahmen und Farben bringen die Unterscheidung. Auch dem weniger geübten Leser werden so die einzelnen Bezüge verdeutlicht."

Das Lesen, auf welche Weise man es auch immer betreiben mag, ist und bleibt die wichtigste Grundlage für bildungsabhängige Karrieren, eine Voraussetzung für das Überleben in dieser Konkurrenzgesellschaft. Es hat zudem, wie das Schreiben, mit Einsamkeit, Entspannung und Entdeckung zu tun und ist ein Gehirntraining erster Güte. Nimmt man sich schwierige Texte vor, werden Ausdauer und Konzentrationsvermögen verbessert. Und daraus erwachsen die Fähigkeiten, Informationen zu strukturieren, zu verknüpfen und als Beurteilungsfaktoren zu nutzen. Lesen erfüllt uns mit Gedanken, Wissen, Bildern und Sinnbildern.

"Wir sind alle, was wir gelesen haben", überschrieb Golo Mann seinen Essay-Band zur Literatur. Wer etwas sein möchte, muss dementsprechend sehr, sehr viel lesen.

Walter Hess

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[1] Quelle: R. Barth, Stadt- und Universitätsbibliothek Bern 12/96; Caroline Hablützel, Stadt- und Universitätsbibliothek Bern: "Lesefähigkeit, Lesekulturen".

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