Textatelier
BLOG vom: 02.06.2016

Der Mangel an Quintessenzen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Die Quintessenz trennt das Unwesentliche vom Wesentlichen. Damit kommen wir dem Sachverhalt auf die Spur – vom Ballast, lies Gemeinplätzen, befreit. Zeitungsartikel, Vorträge, Manuskripte und Manifeste werden in der Rezension vom Ballast geschält. Manchmal bleiben dann bloss Schalen übrig … Der Trugschein, ob beabsichtigt oder nicht, wird entblösst. Der Wahrgehalt bleibt im Filter übrig.

In den Wissenschaften müssen Autoren ihre Thesen belegen und beweisen. Spekulative Vermutungen sind gemeinhin suspekt und werden von Fachspezialisten als solche durchschaut.

EU Referendum: Am 23. Juni 2016 wählen die Engländer, ob sie in der EU verbleiben wollen oder nicht. Seit Monaten dauert das absurde Geplänkel zwischen den politischen Drahtziehern. Der Stimmbürger ist verwirrt und eingeschüchtert. Ihm fehlen weitgehend die stichhaltigen Unterlagen und Argumente, um seine Wahl zu treffen. Die Quintessenz ist in einem Lügengewebe verschleiert.

In der Literatur herrschen die Eintagsfliegen vor, der Mode unterworfen. Sie belästigen mich nicht, einfach, weil ich mich als Perlenfischer nicht mit ihnen abgebe.

Auf dem Kunstmarkt wimmelt es von Fälschungen und Imitationen, seien es Markenuhren oder Bronzen aus China. Auch das ficht mich nicht an. Meine Sammlung von Zierbronzen habe ich vor Jahrzehnten auf Flohmärkten preiswert aufgestöbert. Meine Sammlung von skandinavischen Kristall-Vasen ist abgeschlossen, wie Fälschungen sich mehren. Gegenwärtig halte ich Ausschau nach Druckgrafiken aus dem 18. Jahrhundert von namhaften Künstlern, worunter Joshua Reynolds und Angelica Kauffmann, entworfen und von “stipple engravers” wie Francesco Bartolozzi gestochen. In diesem Sammelfeld verlasse ich mich auf meine Quintessenzen, auf eigenen Kenntnissen abgestützt. Im Zweifel suche ich Rat im Victoria and Albert Museum oder British Museum.

Quintessenzen sind auf die Anstösse der Neugier oder des Wissensdursts angewiesen. Das hat mir die Erfahrung im privaten und beruflichen Umfeld beigebracht. Es gibt keinen Ersatz für Sach- und Fachwissen.

 


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