Textatelier
BLOG vom: 30.08.2026

Die Gottesanbeterin ist keineswegs fromm

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 


Hellbraune Gottesanbeterin
 

An einem herrlichen Septembertag entdeckte ich vor einigen Jahren im Garten von Alice Kneusslin in Schopfheim-Fahrnau einen seltenen Gast. Es war eine grünlich gefärbte Gottesanbeterin (Mantis religiosa), die auf einem Blütenstängel auf Beute lauerte. Einige Tage später sah meine Nachbarin Karin Greiner eine hellbraun gefärbte Gottesanbeterin am Boden neben ihrem Hauseingang. Sie setzte dann das Insekt auf Blätter eines Busches. Dort verharrte sie längere Zeit ganz ruhig, dann verschwand sie im Blättergewirr. Das war 2021. Ein weiteres Exemplar entdeckte die genannte Nachbarin im August 2026 auf ihrem Balkon. Sie steckte sie in eine Glasschale und wartete auf dem Fotografen. Somit konnte ich das Tier aufnehmen. Danach beförderte die Tierliebhaberin die Gottesanbeterin in einen Busch.

Frömmelnde Hinterlist
Der Name stammt aus der Lauerstellung des Insekts. Es verharrt regungslos, der Vorderkörper ist angehoben und die Vorderbeine angewinkelt. Es erinnert an ihre Stellung an eine Gebetshaltung. Wie wir sehen werden ist die Stellung eine „frömmelnde Hinterlist“.

 


Gottesanbeterin lauert auf Beute
 

Blitzschnelle Fangarme
 Wenn die Gottesanbeterin auf Beutesuche ist, verharrt sie ganz ruhig auf einem Blatt oder Stängel. Der Vorderkörper ist erhoben und die Vorderbeine angewinkelt. Sie gleicht einem im Gebet versunkenen Menschen mit gefalteten Händen. Es ist jedoch eine Lauerstellung. Kommen Fliegen, eine Heuschrecke oder ein Grashüpfer in ihre Nähe, dann greifen die bedornten Fangarme blitzschnell zu. Der Fangschlag dauert nur 50 bis 60 Millisekunden, er ist sechsmal schneller als ein Lidschlag des menschlichen Auges. Sie klemmt die Beute zwischen Schenkel und Schiene ein und beginnt mit dem Mahl.
Die Gottesanbeterin wurde 2017 zum Insekt des Jahres gekürt.

Männchen müssen sich in Acht nehmen
Paarungswillige Männchen müssen sich in Acht nehmen nicht verspeist zu werden. Die Autoren Klaus Richarz und Bruno P. Kremer haben dies in ihrem Buch „Wie bissig ist de Löwenzahn“ super beschrieben. Hier ein Auszug: „Die Liebhaber versuchen das Gefressenwerden zu entgehen, indem sie sich von hinten an die Partnerin anschleichen, blitzschnell auf ihren Rücken springen, sich dort festklammern und nach dem langen Akt so schnell wie möglich wegspringen oder wegfliegen.“

Wird jedoch das Weibchen nach der Paarung früher munter, hat sie den Liebhaber „zum Fressen“ gern. Es ist ein zweifacher Vorteil für die Kannibalin: Die Männchen haben ihren Zweck erfüllt und das Weibchen kann auch ihren Magen füllen. Das klingt brutal, aber im Tierreich gibt es auch andere Insekten, die den Partner verspeisen. Wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erwähnt, ist der Sexualkannibalismus nicht zwingend. Oft kommt das Männchen nach der Kopulation heil davon.

 


Insekt in einem Glasbehälter
 

Eiablage in Ootheken
Die Begattung erfolgt meistens in den Monaten August bis Oktober. Einige Tage danach legen die Weibchen bis zu 200 Eier in sogenannten Ootheken ab. Diese bestehen aus einer schnell erhärtenden Schaummasse. Hier überstehen die Larven bis sie im Frühjahr schlüpfen. Die erwachsenen Tiere sterben vor Beginn des Winters.

Gewinnerin des Klimawandels
Ein solches Insekt der Ordnung der Fangschecken ist im Mittelmeergebiet häufig anzutreffen. Früher war die Gottesanbeterin bei uns eine Rarität. Nun sieht es anders aus. Laut Nabu erobert das Insekt auch Deutschland. Auch in der Schweiz breitete sich das Insekt vermehrt aus. Früher galt sie als grosse Seltenheit, da die Gottesanbeterin nur im Wallis und Tessin lebte. Jetzt wird sie immer häufiger im Mittelland und in nördlichen Kantonen gesichtet. Inzwischen wurde an mehreren Kantonen der Schweiz eine neue Art entdeckt.
Die Gottesanbeterin verbreitet sich deshalb so rasant, weil sie eine Gewinnerin des Klimawandels ist. Sie liebt steigende Temperaturen.

 

Infos
www.suedkurier.de
www.infofauna.ch
www.google.com (mit KI-Übersicht)

Literatur
Richarz, Klaus und Kremer P. Bruno: „Wie bissig ist der Löwenzahn?“, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2006.

 

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