Textatelier
BLOG vom: 13.10.2022

Pilz des Jahres 2022: Glücksymbol und Symbiosepartner

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 


Fliegenpilz (Foto Elisabeth Faber)
 

Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) mit Sitz in Karlsruhe hat 2022 anlässlich des 100-jährigen Jubiläum der Gesellschaft den Fliegenpilz zum „Pilz des Jahres 2022“ gewählt.  „Wir haben uns für den Fliegenpilz entschieden, weil er ein sehr schöner, auffälliger und bekannte Pilz ist“, sagte Stefan Fischer von der DGfM.

Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist in der Schweiz, Österreich und Deutschland weit verbreitet. Wir finden ihn hautsächlich in Wäldern, aber auch in Parkanlagen und Gärten. Doch wo gedüngt wird, auf Fertigrasen und bei Einsatz von Mährobotern fällt es dem Pilz schwer zu überleben. Laut DGfM gilt er als gute Zeigerart für naturnahe Gärten und Parkanlagen.

Der Fliegenpilz ist Glückssymbol und Symbol für Wohlergehen und Erfolg. Ich kann mich noch an Aufnahmen von Fliegenpilzen auf Postkarten, Gratulationskarten und in bebilderten Märchenbüchern erinnern. In einigen Kulturen (z.B. Schamanenkulturen in Sibirien) dient der Fruchtkörper nach dem Trocknen als Rauschmittel. Laut DGfM sollen sich auch Rentiere an Fliegenpilzen berauschen.

Bekämpfung von Fliegen
Der Fliegenpilz („Mückenschwamm“) wurde früher als Insektizid zur Bekämpfung von Fliegen verwendet. Landwirte legten Fliegenpilzstücke, die mit Wasser oder Milch erwärmt oder gemixt wurden, auf einen Teller. Die giftigen Stoffe, Ibotensäure und Muscimol, kommen hautsächlich in der Huthaut des Pilzes vor.

 


Fliegenpilz (Foto Heinz Scholz)
 

Ein Giftpilz
Der Fliegenpilz ist zwar mit den Knollenblätterpilzen verwandt, aber kein tödlicher Giftpilz. Beim Verzehr zeigen sich Vergiftungserscheinungen wie Schwäche, Schwindel, rasender Puls, geweiterte Pupillen, Rauschzustände, und Krämpfe.

Wichtiger Symbiosepartner
Der Fliegenpilz ist ein Mykorrhizapilz. Er lebt mit bestimmten Bäumen in enger Partnerschaft. Der eigentliche Pilz lebt im Erdreich und bildet dort eine dichtes Pilzgeflecht (Mycel). Die Partnerschaft bezeichnet man als Symbiose. Davon profitieren beide Seiten. Die Bäume versorgen den Pilz mit Zucker aus der Photosynthese. Der Pilz liefert Wasser, Stickstoff, Phosphor und Spurenelemente. Der Austausch geschieht in den Wurzelspitzen. Der Pilz ummantelt sie mit seinen Pilzfäden und wächst sogar in die Baumwurzeln hinein. Diese Verbindung nennt man Mykorrhiza.

Pilzexperte Peter Roland: „Wenn es dem Pilz gut geht, geht es dem Baum gut. Der Pilz unterstützt den Baum, die Birken, die Fichten, unter denen er wächst.“ 

Gesunde Bäume haben einen positiven Einfluss auf Pilze. Wie unter www.wald-vielfalt.ch nachzulesen ist, zeigt eine Durchforstung im Altbestand des Pilzreservats La Chaneaz dies eindrücklich. Nach dem Eingriff wurden viermal so viele Pilzarten und bis zu zehnmal so viele Fruchtkörper gefunden. „Da viele Pilze auf einen oder wenige Bäume spezialisiert sind, ist es zudem wichtig, dass Mischwälder mit verschiedenen Baumarten gefördert werden. Momentan scheint es dem Fliegenpilz in der Schweiz sehr gut zu gehen.“

Fliegenpilz als Steinpilz-Zeiger
Von einem Wanderfreund, der leidenschaftlich Pilze sammelt, erfuhr ich, dass Fliegenpilze gute Steinpilz-Zeiger sind. Das wollte ich genau wissen, ob das stimmt. Pilzsachverständiger (PilzCoach DGfM) Dennis Regul von Freiburg schrieb mir dies: „Der Fliegenpilz ist häufig. Noch häufiger ist er etwas tiefer im Schwarzwald (z. B. Titisee). Zusammen mit dem Mehlräsling und dem Pfefferröhrling ist der Fliegenpilz ein Fichten-Steinpilz-Zeiger. Wo alle drei vorkommen, sind fast immer auch Fichtensteinpilze. Ein Fliegenpilz im Birkenwald wird aber kaum Steinpilzvorkommen anzeigen. Der passende Baumpartner (vor allem Fichte) muss auch da sein.“

 

Bloghinweis: 2016/10 war der Fliegenpilz schon einmal ein Blogthema. Hier der Link:
https://www.textatelier.com/index.php?id=996&blognr=5970&autor=Heinz%20Scholz

Internet
https://pilz.schule
https://forum.dgfm-ev.de
www.wald-vielfalt.ch

Literatur
Jung, Markus, Manfred: „Vom Glück des Findens“, 33 Pilzgeschichten in alemannischer und standarddeutscher Version mit 33 Pilzfotos. Drey Verlag 2022, ISBN: 978-3-948482-06-0 (eine Buchbeschreibung folgt!).

 

Hinweis auf weitere Blogs von Heinz Scholz
Genussvolle Plätzchen sind immer beliebt
Wodanseiche: Sie fiel einem Unwetter zum Opfer
Pilz des Jahres 2022: Glücksymbol und Symbiosepartner
Herbstliche Frühlingsgefühle eines Apfelbaums
Vor 100 Jahren wanderte Hemingway im Schwarzwald
Trompetenbaum beeindruckt mit schönen Blüten
Der Tulpenbaum von Elsbeth Stoiber am Albis
Blütenreiche Wiesen mit Teufelskralle und Klappertopf
Gänseblümchen: Tausendschön und Margrittli
Sie war einst die grösste Tanne Westeuropas
Baumpilze schön anzusehen, für Bäume eine Gefahr
Ein Speisepilz, der auch Bäume zerstört
Haareis – ein seltenes Naturphänomen
Die Rote Bete verbessert nicht nur die Ausdauer
Fledermäuse – Faszinierend und bedroht