Textatelier
BLOG vom: 02.05.2021

Mystisches und Volksfrommes aus der Welt der Heilpflanzen und gesegneten Sträucher

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU

 


Rosen - ein Hauptmotiv im biblischen Hohelied (Foto Heinz Scholz)
 

„Mit Rosenknospen wollen wir uns bekränzen“, rühmt das Buch der Weisheit (2,8,), wobei die Bibel hierbei aber sowohl im Alten wie im Neuen Testament die Dornen nie vergisst, einschliesslich der Dornenkrone Jesu (M 15,17 und Jo 19,5). Überhaupt besteht bei Erträgen der Felder stets die Gefahr, dass sie „unter die Dornen fallen“, womit der Dorn negativ konnotiert bleibt, im Gegensatz zur vielgerühmten Lilie, die weder sät noch erntet, vgl. auch das Hohelied 2,2 „Wie Lilie unter den Dornen ist meine Freundin.“ Insgesamt vierzehnmal sind im Alten und Neuen Testament „Dornen und Disteln“ genannt, stets mit negativer Bedeutung.

Dies ändert aber nichts daran, dass in der mystischen Tradition, auch in Liedern, der „Dornstrauch“ wegen der Dornenkrone an die Erlösung gemahnt, vgl. das üchtländische Dornheiligtum Berlens in der Nähe von Romont (Kanton Freiburg), welches die heilige Marguerite Bays von ihrer Wirkungsstätte Siviriez aus mit Vorliebe aufsuchte. Die in der Bibel vielfach genannte Distel ist eine Paracelsische Heilpflanze, auch mit magischer Verwendung. Als „Engeldistel“ soll sie helfen, Kraft von starken Menschen auf Kranke und Schwache zu übertragen. Als biblisch gilt auch die an Fronleichnam ausgestreute Kornblume, desgleichen als bei Paracelsus belegte Heilpflanze der Koriander.

Aber nicht die Bibel, sondern vor allem der christliche Kalender prägt die Spiritualität der Blumen, Sträucher, Bäume und allgemein der Pflanzen, wobei unter den Bäumen der von Jesus einst verfluchte Feigenbaum (Matt 21,19) merkwürdig anmutet, der auf das Wort des Herrn gleich verdorrte. Die bliblische Metaphorik strotzt nicht immer gleich von euphorischer Grünkraft.

 


Johanniskraut, nach Blütezeit um Johannistag (24. Juni) (Foto Heinz Scholz)
 

Als bedeutendste volksfromme Heilpflanze ist das um den Johannistag (24. Juni) blühende Johanniskraut oder Hartheu zu nennen, ein schönes Beispiel für die mittelalterliche der Heilkunde dienende Signaturenlehre (Theorie von den natürlichen Zeichen) ist und als besonders vielseitig wirksame Heilpflanze nach Paracelsus in sich selber von Weisheit über die Natur erfüllt. Dass die gelbe Blüte beim Zerreiben rot wird, erinnert an die blutige Passion Jesu und mahnt zugleich, dass Johannissalbe trefflich für Mundbehandlung sei. Überdies stellte man mit gedörrtem Johanniskraut Heilkissen her. Dieselben sollen als Hilfe beim Schlafen antidepressiv wirken. Ebenfalls psychophysische Wirkung wurde dem im Winter um die Weihnachtstage blühenden „helleborus“ nachgesagt; schon beim Griechen Hippokrates; die Heilpflanze wurde als „Christrose“ spiritualisiert, zählt zum beliebtesten Blumenschmuck um Weihnachten, in der volksfrommen bis abergläubischen Tradition vergleichbar mit dem Barbarazweig vom Kirschbaum. Zu erwähnen bleibt die Pfingstrose, deren Päoniensamen ein Paracelsisches Heilmittel gegen Epilepsie darstellten. Die fünfblättrige Einbeere wiederum galt als Mittel gegen die Pest. Ab den Kreuzzügen wurde der aus Kleinasien mitgebrachte, zum Beispiel im Burgund angepflanzte Granatapfel Kult, so beim heiligen Bernhard von Clairvaux (1091 – 1153), der den Granatapfelsaft, nebst den Kernen eine beliebte Fastenspeise, mit dem Blutschweiss Jesu gleichsetzte. Heute wird der Granatapfel samt den dazu gehörigen Präparaten zum Beispiel als Prophylaktikum gegen Prostata-Beschwerden und -Krankheiten gehandelt.

 


Granatapfelblüte mit dem charakteristischen Rot des Saftes (Foto Heinz Scholz)
 

Derselbe St. Bernhard, der im Winter 1146 auf seiner Predigtreise durch die Schweiz Wettingen, Birmenstorf und Windisch durchquert hat, was kürzlich der Filmemacher Erich Langjahr für einen noch unvollendeten Streifen über Schweizer Volksmystik dokumentarisch filmte. Ebenfalls eine bedeutende christlich-mystische Kultpflanze ist der Weissdorn. Populär aus dem Reich der Sträucher wurde überdies das „Siebnerlei“ der zu segnenden und gesegneten Kräuter: Stechpalme, Lärche, Eibe, Buchs, Föhre, Hasel und zumal der Wacholder, zu dessen Gesträuch, etwa in Meltingen und Ettiswil, zahlreiche mystische Visionen überliefert sind. Über dies alles hinaus bleibt die Rose eine biblisch-mystische Pflanze, auch Heilpflanze, das Herz stärkend. In der lauretanischen Litanei wird die Gottesmutter „Rosa mystica“ genannt, was bei mir schon als Knabe beseligendes Erstaunen auslöste.

 


Der von Jesus verfluchte Feigenbaum mit den "weiblich" konnotierten Früchten hängt mit der Vertreibung aus dem Paradies zusammen (Foto Heinz Scholz)
 


Maria wird in Litaneien *Rosa mystica" geannnt (Foto Heinz Scholz)
 


Granatapfel - Kerne dienen seit den Mittelalter als Fastenspeise (Foto Heinz Scholz)
 
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