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BLOG vom 08.03.2018


DIE MISSBRAUCHTE AARE

Autor: Werner Eisenkopf, Runkel D


Da stehen die Menschenmassen auf und unter der Loreley und versenden unzählige Selfies und Nachrichten "aus dem Mittelrheintal" in die ganze Welt. Niemand oder zumindest fast niemand, denkt darüber nach, dass dies aber nur die Folge einer menschgemachten Ungerechtigkeit ist, die zum Himmel schreit. Eigentlich müsste man von der Loreley auf das "Mittelaaretal" schauen! Der Fluss da unten, ist eigentlich gar nicht der Rhein, sondern eigentlich die Aare. Beim schweizer Städtchen Koblenz, nahe Waldshut-Tiengen, nicht zu verwechseln mit "Koblenz an Rhein und Mosel", fliesst eine vergleichsweise mickrige Menge Flusswasser als "Rhein" in die stolze breite Aare, die dortselbst oftmals fünfmal soviel Wasser mit sich führt, als das in sie einmündende "Rheinlein". Irgendwann in der grauen Vergangenheit, haben sich demnach unfaire und böswillige Menschen gegen die arme Aare verschworen und diesen stolzen schweizer Fluss, somit per willkürlicher Namensbenennung verbal kastriert und einfach so brutal abgeschnitten.

Seit diesem rein menschgemachten Willkürakt in grauer Vergangenheit, heisst das Rheintal aber Rheintal und die stolze Aare "endet" laut willkürlicher und fehlerhafter Definition genau dort, wo das Rinnsal "Rhein" beim schweizer Koblenz, gnädigerweise in die Aare reinfliessen darf. Was für eine Ungerechtigkeit! Gäbe es einen "Internationalen Gerichtshof für Flussrechte" dann würde die Aare garantiert Klage gegen den Rhein einlegen und hätte vielleicht, je nach Sympathie der zuständigen Richter, sogar gewisse Aussichten auf ein gerechtes Urteil. Auf diesem Planeten gibt es zweifellos nicht allzuviele Fälle, wo ein einmündender kleinerer Zufluss, plötzlich namentlich den Grösseren einfach schluckt und so missbraucht.

So aber ist es hier, wie überall auf der Welt. Unrecht ist der Normalfall. Wo kein Kläger, da kein Richter. Am Deprimierendsten ist wohl, dass die arme Are noch lange lange Zeit wird warten müssen, bis es hierin vielleicht doch noch mal zu einer Änderung kommt. Dazu müsste die nächste fällige Eiszeit, wieder unter anderem die Nordhalbkugel und die Alpen insgesamt unter einem dicken Eispanzer begraben. Unter dem Eispanzer geht dann das Steingeschiebe los. Alles wird wieder neu aufgemischt. Dann werden auch die geologischen Formationen und Täler neu aufgemischt. Hier ein zäher Gletscher beim Eisrückgang am Eiszeitende, dort ein paar Steinbarrieren und schon sieht die Welt danach wieder ganz anders aus. Einen ungeheuren Vorteil hat die Aare ja dabei. Sie ist ein sehr langlebiges Gebilde, gegen deren erdgeschichtliche Zeiteinheiten, die üblichen menschlichen Zeiten und Epochen, nur sozusagen mickrige Eintagsfliegen sind.

Vielleicht hat sich die Aare aber schon bisher das eine oder andere mal diskret am bösen Menschen gerächt? Nicht nur mit manchmal schier ungeheuren Hochwassermengen. Vielleicht war es auch die wütende und rachdurstige Aaare, die diskret und hinterfotzig, damals den "Canal d' Entreroches" scheitern liess, damit nicht der verhasste Konkurrent "Rhein" nachher den namensmässigen Hauptruhm abschöpfen konnte?

Naja, welcher Normalbürger kennt schon das gescheiterte Projekt "Canal d' Entreroches" mit dem Baubeginn 1638 auf welschschweizer Boden? Dieser Kanal sollte immerhin in der Gesamtsicht, eine schiffbare Verbindung zwischen Nordsee und Mittelmeer schaffen, den "Transhelvetischen Kanal" laut Planung. Eine Handelsverbindung zunächst über Flusskähne und ab Mittelmeer dann grössere Schiffe, etwa von Holland nach Genua und Venedig, den damals führenden europäischen Fernhandelsmächten in den Orient. Dies auf einem ungefährlichen Binnenweg, weit abseits vorbei an dem feindlichen Spanien und der Meerenge von Gibraltar, die damals ja noch nicht von England besetzt war aber natürlich schon die Affen auf dem Gibraltarfelsen leben hatten.

Diese Handelsroute wäre also flussaufwärts der Aare, ab Nordseemündung (fälschlich dem Rheintal!) verlaufen und vorbei an Köln (an der Aare), Mainz (an der Aare), Basel (an der Aare), Waldshut (an der Aare) und weiter flussaufwärts an Koblenz vorbei, wo das "Rhein-Flüsschen" bekanntlich in die Aare mündet. Dann weiter quer durch das schweizer Mittelland. Vorbei an der Limmat-Mündung, dann Aarau und Olten nach Solothurn. Solothurn, die damalige Ambassadoren-Stadt, wo ab 1530 bis 1792, die Botschafter Frankreichs für die Eidgenossenschaft residierten, war umständhalber möglicherweise damals diejenige schweizer Stadt, mit dem höchsten Weinverbrauch pro Kopf. Das ist auch plausibel. Wo solche vornehmen Botschafter residierten, die ja sehr viele Gäste hatten und wo alltäglich viele viele wichtige und ganz wichtige Gespräche stattfanden, musste logischerweise neben vielerlei feinen Speisen und Brot, natürlich auch der Wein reichlich fliessen.

Von Solothurn wieder weiter die Aare aufwärts, wäre der Bieler See erreicht worden und via Zihl dann der Neuenburger See. Diesen hätten die geplanten internationalen Handelskähne dann bei Yverdon verlassen, um nun auf den ab 1638 extra als Kanal ausgebauten Fortsetzungen via Thiele, zur Europäischen Hauptwasserscheide (Nordsee-Mittelmeer) durch die Klus von Entreroches. Diese wurde übrigens 1648 baumässig überwunden. Das war bekanntlich das Jahr, wo der Dreissigjährige Krieg in Europa, durch den Westfälischen Frieden zu Münster und Osnabrück endete. Doch blieb dann der Weiterbau leider an den dort notwendigen vielen teuren Schleusen hängen, die die Kähne von der Höhe der Wasserscheide, bis hinab auf das Niveau des Genfersees hätten bringen sollen. Geplant war die weitere Kanal-Trassenführung nämlich bis Cossonay zur Venoge, einem Fluss, der nahe Morges, bei Lausanne, in den Genfersee mündet. Doch diese letztendlich unvollendeten und in der gewaltigen Gesamtdistanz dieses europäischen Wasserweges, schier lächerliche 12 Kilometer Baulücke, waren für die damalige Zeit offenbar leider bautechnisch und auch kostenmässig einfach zuviel. Weil dortselbst nämlich noch 59 Höhenmeter, mit 40 Schleusen hätten überwunden werden müssen.

Ab hier wäre ja eine Weiterfahrt über den Genfersee bis Genf und in der Fortsetzung dieser Route über die Rhone, durch Frankreich bis zum Mittelmeer, der Folgeteil dieser europäischen Binnenwasserstrasse gewesen. Leider wurde daraus nichts. Probleme und Geldmangel kamen noch und nöcher hinzu. 1797 mussten die Kanalbetreiber dann Konkurs anmelden. Heute kann niemand mehr abschätzen, was ein damals so tatsächlich vollständig fertiggestellter Kanal, mit dann wohl grossen folgenden Warenströmen, für die damalige Schweiz wirtschaftlich und kulturell bedeutet hätte. Fehlende lumpige 12km, können somit eine ganze Zeitepoche, so oder auch so, bedeutend beeinflussen.

Doch kommen wir zurück zur missbrauchten Aare, die ja im Bieler See auf unserer virtuellen Reise in die Vergangenheit, umständehalber verlassen wurde und über die man zur schweizer Bundeshauptstadt Bern weiterreisen konnte, bis zum Thuner See. So muss diese kleine Geschichte des fairen Mitgefühls für die missbrauchte Aare, hier nun einmal enden. Die stolze Aare hat es aber verdient, dass diese Geschichte wenigstens einmal richtig erzählt wurde, ohne falsche Rücksichten, auf das sonstige Fluss-Lieblingskind aller, nämlich dem Rhein. HOCH LEBE DIE AARE !!!

 


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