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BLOG vom 18.02.2018


Essays „Nach der Natur“ (1): Wasser

Autor: Wernfried Hübschmann, Schriftsteller, Hausen i. Wiesental (D)

In den nächsten Wochen veröffentlicht der Schriftsteller Wernfried Hübschmann unter dem Titel „Nach der Natur“ vier literarische Essays zu den vier Elementen. Heute beginnt er mit dem Essay WASSER.
Das Motto stammt vom australischen Dichter Les Murray:

 

... nothing’s said till it’s dreamed out in words
and nothing’s true that figures in words only.
... nichts ist gesagt, bis es in Worten hinausgeträumt wird
und nichts ist wahr, was nur in Worten wahr ist.
Les Murray

 

NACH DER NATUR (1)

WASSER

Nachdem die Wolken sich tagelang umkreist und belagert hatten, einmal sich dumpf aufeinander zubewegend wie feindliche Heere, einmal sich mit übertriebener Höflichkeit wieder und wieder grüßend und belauernd, nach Tagen also, an denen ständig mit dem Ausbruch des großen Regens gerechnet werden musste, der aber nicht kam, hatte er die Aussicht auf ein erlösendes Gewitter fast aufgegeben. Aber, wie so oft, ereignet sich das Unwahrscheinliche dennoch, allerdings anders und unter anderen Vorzeichen als erwartet oder vermutet, und nicht selten als Eruption. Der von allen Lebewesen aus unterschiedlichen Gründen ersehnte Regen kam, als die Bauern, ungeachtet des Wochentags, grade begonnen hatten, doch noch das Heu einzuholen, als die Tennisturniere dennoch gestartet waren und als die Familien nach langem Hin und Her sich trotzig aufgemacht hatten zur großen, seit Ostern geplanten Fahrradtour. Dann ging alles ganz schnell. Eben noch hatte die Sonne zwischen den schwankenden grauen und blauen Gebirgsmassiven aus gestauten Tropfen giftig durchgeblitzt, als es auf einmal zu regnen begann, ohne Ansage durch einen Donner, ohne Vorspiel durch irgendein Wetterleuchten oder einen gleißenden Blitz. Der Regen setzte lautlos ein, ohne anzuklopfen trat er durchs Tor, zunächst fein und faserig, dann wuchs er zügig zu einem kräftigen Landregen an, der von seiner Arbeit nicht viel Aufhebens und kaum ein Geräusch machte, und nach weniger als einer halben Stunde hatte die Temperatur merklich nachgelassen und die Natur sich mit den eigenen Gesetzen scheinbar ausgesöhnt. Bereits am frühen Abend konnte man meinen, eine andere, eine neue Jahreszeit sei angebrochen, eine, die man so noch nicht kannte, leise, heimlich und mit einer sanften Gewalt, gegen die auch das verblassende, schlierige Tageslicht nichts auszurichten vermochte, zog sie ein in die Landschaft, in die Erde, in die Gedanken der Lebenden.

Früher, als Kinder, hatten sie an solchen Tagen im Sommer, auf Luftmatratzen liegend, aus dem Inneren des Zelts herausgespäht, waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und vertrauten der dünnen, dunkelgrünen Haut, die sie schützte und von der das Wasser zunächst abperlte und in klaren Linien bis zur Kante des Überzelts lief, um dann ins Gras zu stürzen und zu versickern. Damals, vor einem halben Jahrhundert, waren selbst die besten Materialien nicht in der Lage, auf Dauer dem Trommelfeuer der Tropfen Paroli zu bieten, und er hatte es mehr als einmal erlebt, dass das Wasser schnell den ungleichen Kampf gewann, das Zelt unterspülte, irgendwo in einer Falte der knisternden Haut doch einen schmalen Graben eroberte, sodass es bald keinen trockenen Flecken mehr im Innenraum gab, und wenn der Regen mehrere Stunden anhielt, war bald alles, Boden, Luft und Kleidung, klamm und klebrig und es war fast unmöglich, nicht krank zu werden, wenn man den tollkühnen Versuch unternahm, dennoch zu übernachten in dieser tropischen Höhle, in dieser lächerlichen Burg, die längst erobert war vom übermächtigen Feind, der die schrecklichste aller Waffen besaß, schrecklicher noch als Flammen: Wasser.

Wasser, ohne das es kein Leben gibt. Wasser, aus dem zum größten Anteil unser Körper besteht. Wasser, das wir trinken, das wir ersehnen und brauchen, mehr als andere, festere Nahrung. Wasser, das die Erde bedeckt, zudeckt und verbindet durch hunderttausend Flüsse und Kanäle, das sich mischt auf verborgenen unterirdischen Wegen und über Stauseen, Wasserfälle und Rinnsale miteinander redet und sich verständigt, auch da, wo wir es nicht verstehen, weil wir nicht hören können, wie das Bächlein rauscht, der Fluss singt oder der Strom, der meerbreit ausgeht, poltert und droht. Oder im Delta der Donau sich alles noch einmal vervielfacht und verzweigt in schmale Nebenarme, stehende Tümpel, düstere und brackige Altwässer und einzigartige Biotope, wo noch Fisch- und Vogelarten wohnen, die aus den Wäldern und trockenen Ebenen längst geflohen sind.
Doch was gibt es Schöneres, als im Regen zu stehen, wenn jede Gegenwehr sinnlos geworden ist und die Kleider schon triefen, weil das Gewitter uns überrascht hat beim Wandern über die Felder oder beim Spazieren am Strand, im Angesicht des größeren Gewässers. Dann heißt es, die dampfenden Kleider abzustreifen (gar nicht so leicht) und nackt zu gehen und mit einer schmerzlichen Erinnerung an verlorene Paradiese sich dem Element zu überlassen, das uns trägt, wenn wir schwimmen können, das uns erträgt, wenn wir es verschwenden oder vergiften und das noch da sein wird, wenn wir uns aufgelöst haben werden zu Asche, zu Staub, zu Partikeln, und kein zitterndes Spiegelbild mehr an uns erinnert, in dem wir uns jetzt in dieser Pfütze als Zerrbild erkennen und für einen winzigen Augenblick wiedererkennen.

www.wernfried-huebschmann.de

 


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