Textatelier
BLOG vom: 26.06.2016

Was heisst schon „alt sein“?

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Die Person ist 68 Jahre alt! Was heisst das schon? Ich kann aus dieser Aussage auf Dinge schliessen, die ich mir "aus meinem Verständnis heraus" bereit gelegt habe:
 
Wahrscheinlich

  1. ist diese Person in Rente, ein Bezüger von AHV oder Alterspension.
  2. erlebt diese Person ihren so genannten Lebensabend als dritte Altersstufe nach der Kindheit und dem Erwerbsleben.
  3. kann diese Person den Tagesablauf selbstbestimmt einteilen
  4. haben sich altersbedingte Einschränkungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen eingestellt.

 
Ich schreibe "wahrscheinlich", weil ich dies nicht wissen kann, wenn ich die Person nicht näher kenne. "Alter" ist nämlich eine Konstruktion. Menschen sind individuell unterschiedlich.
 
Man kann für den Lebenslauf unter biologischem, psychischem und sozialem Alter differenzieren:
 
Biologisches Alter bezeichnet die Entwicklungsstadien des Organismus zwischen Geburt und Tod; psychisches Alter diejenigen des sozialen Systems und soziales Alter den Ort der Person im gesellschaftlich gegliederten Lebenslauf, z.B. ihre Zusammengehörigkeit zu einer der gesellschaftlich abgegrenzten Altersphasen und Altersgruppen. (Kohli/Künemund)
 
Kalendarisch, also nach Jahren gerechnet, können Personen "mehr" oder "weniger" gealtert sein.
 
Nicht unbedingt verlässlich sind Tests, die aufgrund von einigen Multiple-choice-Fragen angeblich herausfinden, welches biologische Alter man habe. (Kann ich stolz darauf sein, dass der Test mich 5 Jahre jünger "macht", als ich wirklich bin?). Nicht nur gerontologisch ist festgestellt worden, dass viele Zeitgenossen von heute "jünger" sind als Gleichalterige noch vor 50 Jahren, was mit einer besseren Versorgung mit Lebensmitteln, sportlichen Aktivitäten und medizinischen Möglichkeiten begründet wird.
 
Im sozialen System gehören z.B. Fussballer über 30 Jahren bereits "zum alten Eisen". Vielleicht fühlt der Sportler sich in diesem Kontext psychisch auch so, allerdings in seiner Familie dürfte das nicht der Fall sein. Wenn er allerdings in eine Diskothek geht, wird er merken, dass er altersmässig nicht mehr so richtig "passt".
 
Vor ein paar Jahrhunderten war die Situation ganz anders, als die Lebenserwartung bei 40-45 Jahren oder gar darunter lag. Dabei müsste man gar nicht so weit in die Vergangenheit gehen: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer in der Zentralafrikanischen Republik liegt bei 48 Jahren, die der Frauen 4 Jahre darüber.
 
Die Altersgrenze zwischen Erwerbsleben und Ruhestand ist in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland verschoben worden, in den nächsten Jahren müssen die Menschen, wenn sie ihre vollen Ruhebezüge erreichen wollen, bis zum 67. Lebensjahr arbeiten, vor ein paar Jahren war es noch 65.
 
Eine starre Altersgrenze wird immer öfter kritisiert.

  • Eine feste Altersgrenze kann als eine Form der Diskriminierung betrachtet werden.
  • Sie stellt eine zumindest fragwürdige Einschränkung der individuellen Handlungsautonomie dar.
  • Ihre Anwendung führt zum Verlust von 'Humankapital': Kompetenzen und Ressourcen älterer Menschen werden nicht mehr genutzt.
  • Das Finanzierungsproblem des Rentensystems wird verschärft.
  • Der Wandel der modernen Erwerbsbiographien in Richtung zunehmender Flexibilisierung und Mobilität wird nicht berücksichtigt.
    (Harald Künemund)

Bisher war es kaum möglich oder üblich, über das Rentenerreichungsalter von 65 Jahren hinaus im Erwerbsleben zu verbleiben, es sei denn, man war Berufspolitiker, Bischof oder selbstständig. Das wird zunehmend kritisiert und ein flexibles Ausscheiden gefordert.
 
Ich denke, dass in den kommenden Jahren die Weichen dafür gestellt werden. Jeder, der möchte, darf dann sein Austrittsalter aus dem Erwerbsleben mit dem Arbeitsgeber ab dem Erreichen des Renteneintrittsalters selbst verhandeln.
 
Allerdings kann man das auch mit gemischten Gefühlen sehen. Die Erhöhung des Rentenalters bringt heute schon für diejenigen, die - aus den verschiedenen Gründen - vorher aus dem Erwerbsleben ausscheiden wollen oder müssen, eine niedrigere Rente. Wenn also mehr Menschen länger arbeiten, könnte das ein Signal für die Politik und das Rentenversicherungssystem sein, das Eintrittsalter immer weiter zu erhöhen.
 
Es gibt meines Erachtens gewichtige Gründe für ein Ausscheiden. Wenn die Arbeit zu mühsam wird, was nicht nur für Handwerksberufe, Müllwerker und andere gilt, sondern auch hinsichtlich der immer weiter erhöhten Anforderungen an Arbeitnehmer aus der gesamten Wirtschaft; wenn der Wunsch besteht, etwas anderes zu machen, etwa zu reisen, sich einem bestimmten Hobby zu widmen; man sich sozial engagieren will oder was auch immer, dann sollte sich jeder genau ausrechnen, ob man mit dem erreichten Rentenbetrag auskommt.
 
Ich persönlich jedenfalls habe es nicht bereut. Meine Rente - ich nenne sie "bedingungsloses Einkommen" - reicht für meine Bedürfnisse aus. Ich habe Zeit und Gelegenheit, vieles zu machen, wozu ich vorher nicht in der Lage war. Kurz und gut - ich geniesse das Leben!
 
Und dafür braucht sich niemand zu schämen oder etwa schuldig zu fühlen!
 
Quellen
http://www.kas.de/upload/dokumente/verlagspublikationen/Alter-Last-Chance/Alter-Last-Chance-8-2.pdf

 


*
*    *

Hinweis auf weitere Blogs von Meier Pirmin
Hans Küng – Warum die katholische Kirche nicht zu „retten“ ist
Wie weit ist Astrologie eine Beratungswissenschaft?
Was uns Albrecht Goes, Kurt Marti und andere «Pfarrer»-Dichter zu sagen haben
Flavio Cotti – Sein Profil waren Bildung und Kultur
Adventsgedanken eines wohlmeinenden Kirchenkritikers
Föderalismus oder Wie werden in der Schweiz die Kinder gemacht?
Erwin Jaeckle – Aphorismen eines Publizisten u. Parlamentariers
Pierre Wenger – Ein wegweisender Geschichtslehrer
A propos tote Fische und Pandemie
Das Lokale ist das Genaue
Rückblick auf den Autor Siegfried Lenz
Kant – zu Lebzeiten umstritten und heute abermals
Ein „Achtzehnbittengebet“ als Hommage an Klaus von Flüe
Heilpflanzenkunde nach Paracelsus – eine Kostprobe
Für Prof. Lübbe war Schwarzenbach "Poujadist"