Textatelier
BLOG vom: 16.04.2016

Die Spielbälle des Zufalls

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Mich ergötzen die Spielbälle des Zufalls, besonders jene, die einen Einfall, ein Thema in mir auslösen, die sich schildern lassen, wie eben jetzt. Ein Essay soll daraus entstehen. In diesem schöpferischen Klima fühle ich mich heimisch.

Der “homo ludens” (der spielerische Mensch) fängt die Spielbälle auf und tätschelt sie mit der Hand hoch und höher, dem Ziel des Zufalls zu. Der gütige Zufall, das habe ich mir gemerkt, kommt immer unerwartet. Dieses gedankliche Ballspiel bedingt Stille und innere Gelassenheit.

Was der Zufall will, das verwirklicht er, einerlei ob wir das merken oder nicht. Nur eines darf man nicht tun: den Zufall erzwingen. Wunschvorstellungen anderseits sind statthaft. Als Jüngling schuf ich mir das Bild meiner Wunschfrau. Erst nach vielen Jahren bin ich ihr zufällig begegnet.

Auf der Reise durchs Leben sammeln wir mannigfaltige Funde des Zufalls. Diese sind auf unsere persönliche Eigenarten abgestimmt. Nur so können wir sie als unsere Zufallsfunde erkennen. “So ein Zufall!” staunen wir.

Nebst den gütigen Zufällen, gibt es solche, die wir verdammen, weil sie uns quälen oder irreführen. Letztere werden uns nicht vom Zufall, sondern von bösartigen Menschen zugespielt, die uns nicht gewogen sind oder uns betrügen wollen. Diese klammere ich kurzerhand in meinem Essay aus.

Dem Zufall verdanken wir viel: Er bereichert unsere Lebensfreude, unterstützt Zuversicht, Harmonie und befreit uns von fruchtloser Leidenschaft. Stimmt das? hinterfrage ich mich. Ich lasse die Gedanken auf mich zukommen, wie es dem Zufall gefällt. Einfach weil sie sich nicht erzwingen lassen. In diesem Sinne ist der Zufall mein Gedankenauslöser.

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Aber Ordnung muss man selbst schaffen. Ich denke dabei an Johann Sebastian Bachs “Die Kunst der Fuge” mit seinen Kontrapunkten und Dux (Durchführung). Disziplin schafft Ordnung im Chaos der Gedankenwelt. Heute Abend lege ich die Schallplatte auf und lausche einigen seiner Fugen. Den Anstoss dazu verdanke ich dem Zufall. Ich weiss nicht, welche Inspiration mir der Zufall zuspielt.

 


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