Textatelier
BLOG vom: 18.01.2016

Bitte Aussteigen oder Umsteigen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Erreicht der Zug die Endstation, werden die Fahrgäste über den Lautsprecher aufgefordert, mitsamt ihrem Gepäck, auszusteigen. An gewissen Haltestellen verweisen Ansagen auf Zugsanschlüsse zum Umsteigen. Diese Aufforderungen und Hinweise reizen zu Gedanken bezüglich wechselnder Lebensumstände.

Der Konkurs einer Firma bedingt die Entlassung der Arbeitnehmer. Ein unzufriedener Arbeitnehmer sucht eine neue Stelle und steigt um. Eheleute lassen sich mehr und mehr scheiden. Sie fahren nicht länger im gleichen Zug. Der Ehepartner wird wie ein alter Autoreifen ausgewechselt. Darunter leiden die Kinder.

Mit dem Tod verlassen wir alle früher oder später und für immer unseren Lebenszug. Den Selbstmord wählt, wer das Leben nicht länger ertragen kann. Depressionen aller Art treiben Leute zu dieser Verzweiflungstat. Hinzu kommt der Freitod bei schweren und unheilbaren Krankheiten.

Wer mit künstlerischen Ambitionen behaftet ist, muss auf einen Brotberuf ausweichen, es sei denn, er oder sie darbt allein in einer armseligen Mansarde.

Das wahre Künstlerdasein ist auf Wagemut angewiesen, beseelt von der Hoffnung auf künstlerischen Durchbruch. Wenige gewinnen ihn. Es bieten sich Auswege. Ich kenne jemand, der seiner Berufsarbeit Zeit abgewinnen kann, um seine schriftstellerische Ambition zu pflegen. Dieser Jemand kann seine beruflichen Obliegenheiten im Nu tadellos erledigen, solange er in einem eigenen Büro sitzt. Auch auf geschäftlichen Reisen ist dies durchaus möglich, behaupte ich. Wer als Chef Arbeiten delegieren kann, gewinnt Zeit für seine persönlichen Anliegen. Zugegeben, dies ist heute schwieriger geworden, weil sich die Arbeitszeiten enorm verlängert haben und Grossraumbüros vorherrschen. Wie dem auch sei, lasse er seine Ambitionen nie im geschäftlichen Umfeld durchblicken. Nehme er in dieser Beziehung den Einsiedlerkrebs zum Vorbild.

Nach diesem Intermezzo sei die Individualität in der Freizeitgestaltung der Menschen gepriesen. Solche Individualisten sondern sich von der Masse ab und sind wählerisch, wie und wo sie ihre Zeit einsetzen. Viele von ihnen reiten Steckenpferde. Die Auswahl ist gross: Wanderungen in der Natur, Freundschaften mit Gleichgesinnten, sei es als Sammler von Antiquitäten und anderen Liebhabereien. Der Erwerb von Kenntnissen erhöht das Vergnügen, wie die Fingerfertigkeit den Spieler eines musikalischen Instruments.

Vielleicht bieten diese wenigen Hinweise Anreize zur Selbstverwirklichung. Der Mensch besteigt dann seinen Extrazug nach eigenem Fahrplan und kann nach Lust und Laune umsteigen! “Libre cours à l'imagination.”

 


*
*    *

Hinweis auf weitere Blogs von Meier Pirmin
Hans Küng – Warum die katholische Kirche nicht zu „retten“ ist
Wie weit ist Astrologie eine Beratungswissenschaft?
Was uns Albrecht Goes, Kurt Marti und andere «Pfarrer»-Dichter zu sagen haben
Flavio Cotti – Sein Profil waren Bildung und Kultur
Adventsgedanken eines wohlmeinenden Kirchenkritikers
Föderalismus oder Wie werden in der Schweiz die Kinder gemacht?
Erwin Jaeckle – Aphorismen eines Publizisten u. Parlamentariers
Pierre Wenger – Ein wegweisender Geschichtslehrer
A propos tote Fische und Pandemie
Das Lokale ist das Genaue
Rückblick auf den Autor Siegfried Lenz
Kant – zu Lebzeiten umstritten und heute abermals
Ein „Achtzehnbittengebet“ als Hommage an Klaus von Flüe
Heilpflanzenkunde nach Paracelsus – eine Kostprobe
Für Prof. Lübbe war Schwarzenbach "Poujadist"