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BLOG vom 23.06.2010


Hermance und Anières: Genferseesüdküste bis zur F-Grenze
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Ausserhalb des ruhigen Cityzug-Wagens flog die Landschaft zwischen Aarau und Biel–Lausanne–Genf vorbei, der Jurabogen rechterhand und das Mittelland auf der linken Seite. Morgenstimmung. Umsteigen in Biel. Bielersee und Neuenburgersee. Nach einer Nacht mit prasselndem Regen hatte der Niederschlag aufgehört. Wir fuhren nach Westen und teilweise sonnigem Wetter entgegen. Zwischen den Wolken zeigten sich unförmige, blaue Fenster. Kein Regen an jenem Morgen, auch der ganze Tag war in der Westschweiz trocken. Der Knirps (zusammenschiebbarer Regenschirm) war ganz unten in Evas Tragtasche verstaut.
 
Sprechen durfte man in diesem Wagen nur ganz leise: „Ruhezone. Espace solence“ war auf einem am Fenster angeklebten Kleber zu lesen. Ein Piktogramm – Zeigefinger auf Lippen – erläuterte, wie das geht. Lesen war immerhin erlaubt. Die Zeitschrift „20 Minuten“ vom 18.06.2010, die ein im Recycling geübter, vorheriger Reisender auf einem gepolsterten Sitz für nachfolgende Artgenossen hatte liegen lassen, spendete uns älteren Jahrgängen Zuversicht. Unter der Überschrift „Gesundes Gehirn bis ins Greisenalter“ stand geschrieben: „Lange glaubte man sogar, dass das Oberstübchen (so nennen wir in der heimeligen Schweiz das Gehirn) ab einem gewissen Alter einrostet – sich also nicht mehr an neue Situationen anpasst.“
 
Unsinn. Ich liebe, Vergreisung hin oder her, Abwechslung, strebe ständig neue Ziele an – diesmal das südliche Genferseeufer im Kanton Genf, das ich noch nie betreten hatte; es ist wenig bekannt, hat meines Wissens nicht einmal einen eigenen Landschaftsnamen. Weiter im „20-Minuten“-Text aus der Universität Zürich: „Heute ist aber klar: Selbst im hohen Alter können sich Hirnstrukturen noch verändern, und es entstehen neue Verkabelungen von Nervenbahnen.“
 
Für Gehirn-Übungszwecke gab es gleich in diesem Bahnwagen, welcher der französischen Schriftstellerin Anne-Louise Germaine de Staël (1766‒1817) gewidmet war, Gelegenheit. Sie lebte lange auf dem väterlichen Schloss Coppet westlich von Nyon, in dieser kompakten, besser: verdichteten Anlage, in deren Nähe, etwas weiter oben, wir eben vorbeifuhren. Aus dem in der Originalsprache wiedergegebenen, das heisst im Bahnwagen aufgeklebten Zitat, waren wahrscheinlich bei Reinigungsarbeiten einige Buchstaben abgelöst worden. Der Restbestand lautete: „Que(..)e inspration (..)ur le talent que l’espoir d’être utile! Mme de Staël.“ Ich schaffte die Ergänzung: „Quelle inspiration pour le talent, que l’espoir d’être utile.“  Das Gefühl, nützlich zu sein, als Talentschmiede.
 
Wir kamen bald im ergrauten Bahnhof Genf Cornavin an, einem der grössten der Schweiz, der noch etwas älter als ich ist und neoklassizistisch aussieht. Er entstand in seiner heutigen Version 1927/33 nach Plänen von Julien Flegenheimer, nachdem es dort, am damaligen Stadtrand, schon 1858 einen Bahnhof gegeben hatte. Auch alte Bahnhofstrukturen können sich verändern, immer wieder. Das Cornavin-Aufnahmegebäude und die Unterführungen sollen demnächst umgebaut, das heisst heller, komfortabler werden. Reisende sollen sich dann besser zurechtfinden.
 
Wer Genf nicht gut kennt und mit dem Öffentlichen Verkehr herumreist, findet sich ebenfalls in dieser Stadt nicht sehr gut zurecht. Selbst meiner Tochter Anita und dem Schwiegersohn Urs Walter, die als Generalabonnementinhaber im Umgang mit Bahnen, Trams und Bussen geübt sind, orteten bei der Fahrgastinformation noch „Entwicklungspotenzial“.
 
Wir wollten vorerst über die Mont-Blanc-Brücke und dann, dem linken Seeufer entlang, bis zur Landesgrenze in Hermance fahren. Ein Buschauffeur der Linie 6, den wir nach der zuständigen Bus-Nummer befragten, nahm uns bis zum Rond-point de Rive mit und empfahl die Weiterreise mit der Linie „Ö“ – aber weil die französische Sprache kein Ö kennt, musste es sich um die Linie „E“ handeln. Man sagt für das Pronomen je (ich) ja auch nicht je, sondern jö.
 
Und so war es denn auch: Linie E. Die Fahrt in nordöstlicher Richtung führte an zunehmend aufgelockerten Villenquartieren vorbei, immer in respektvoller Distanz zum Genfersee, und erreichte vorerst Collonge-Bellerive GE, wo sich in der späteren Bronzezeit Pfahlbauer niedergelassen hatten. Seit 1792 ist es eine Vereinigung der Gemeinden Collonge, Vésenaz und Saint-Maurice. Dann folgten Anières und Hermance. Anita empfand diese Landschaft am See deshalb als so charaktervoll, weil in den Pärken viele uralte, riesige Bäume stehen. Ihrer Ansicht nach gibt das den Grundstücken die Würde der Beständigkeit, eine Form von Noblesse.
 
Hermance
Und genau solche Achtung gebietende, verwurzelte Objekte finden sich auch in Hermance, einem im 13. Jahrhundert von Aimo II de Faucigny als befestigter Ort mit Freiheit und Marktrecht gegründetes Städtchen. Das alte Ortsbild ist überraschend gut erhalten; Schloss (hinterblieben ist noch der Donjon = Bergfried, also der Hauptturm, der aus dem 14. Jahrhundert stammt) und Kirche sind in der Oberstadt neben der Schlucht des Bachs L’Hermance. Ihm wird die hohe Ehre zuteil, ein Stück weit die Landesgrenze Schweiz-Frankreich zu bilden. Im Dorfzentrum gibt es noch einen urtümlichen Laden mit lebenswichtigen Produkten, darunter Käse, Trockenwürste, Wein und Spirituosen, an dem sich kein Ladenbauer vergriffen hat und der deshalb zum gemütlichen Verweilen einlädt.
 
Die 1843/45 angelegte Hauptstrasse teilt die obere und die untere Stadt (Bourg d’en Bas und Bourg Dessous, wobei Bourg = Marktflecken bedeutet). Das Ortsbild wird oben von einem 1338 erbauten, runden Wachtturm beherrscht. Eine behäbige katholische Kirche, St-Georges, mit Fortturm gibt es oberhalb des Dorfs auch. Eingangsturm und Schiff stammen aus 1679, datiert auf dem Schlussstein mit dem Savoyer Wappen.
 
In der Unterstadt von Hermance, der unsere Aufmerksamkeit vor allem galt, führen 3 Parallelstrassen zum See. Beidseits stehen eng zusammengeschmiegte Hofstätten und Wohnbauten mit Gärten auf der Rückseite; Laternen, Bäume, Sträucher und Fassadenpflanzen wie Wilde Reben verschönern das Dorfbild. Gefässe mit aufgefächerten Hanfpalmen und Geranien stehen auf den schmalen Strassen. Die mit hellen und dunklen Ziegeln bedeckten Dächer mit verschiedenen Giebelausrichtungen und die Vordächer schliessen das malerische Bild oben ab. Und wenn einmal dicke Äste in den Strassenraum hineinwachsen wie jene von einem uralten, verblühten Goldregen im Bereich des Seeufers, hat halt der Verkehr darum herumzufahren. Nichts von Rückschnitt, dafür ökologischer Fortschritt.
 
Der Bereicherung des Ortsbilds dienen viele fein gekehlte Fenstergruppen, abgeschrägte Stützmauern, welche wie die vom Kanalbau bekannten Buhnen den Häusern Festigkeit geben, und Aussentreppen – die Wohnräume befinden sich häufig im 1. Stockwerk. Besonders imponiert hat uns ein tadellos erhaltenes Bauernhaus, aus Rundsteinen aufgemauert, mit Aussentreppe, vorspringenden Mauerverstrebungen, Holzläden und mit angebautem Stall aus dem Jahr 1576. Über dem Eingangstor hing ein rostiger Heugreifer, einsatzbereit.
 
Hermance am Ende der Schweiz, zu der es 1816 kam, gilt als zu Recht eines der hübschesten Genfersee-Dörfer. Im Musée d’ Art et d’Histoire (Museum für Kunst und Geschichte) in der Stadt Genf sind viele Bronzegegenstände ausgestellt, die den Beweis antreten, dass Hermance schon lange vor den Helvetiern bewohnt war. Solch ein Städtchen-Bijou war natürlich sehr begehrt, woraus sich viele Eifersüchteleien und Streitereien zwischen den Grafen von Savoyen, den Genfern und den Herren von Faucigny erklären. Laut Max Frisch ist Eifersucht die Angst vor dem Vergleich; auch das habe ich in einem SBB-Wagen gelesen. Auch Bern hätte am liebsten zugelangt und mischte sich ein. Genf gewann.
 
Offenbar verhalf neben der Schönheit auch die Süsswasser-Seeräuberei dem Städtchen zu Aufschwung. Von hier aus griffen Süsswasserpiraten die Kaufleute an der Nordküste des Genfersees an, wenn sie mit ihren Schiffen auftauchten. Die Fischer in Somalia, denen die reichen Nationen die Küste leergefischt haben, mögen sich davon inspiriert haben, als sie den Piratenberuf ergriffen haben ...
 
Der Quai d’Hermance ist ein erholsamer, von einer Platanenansammlung geschmückter Erholungsort am blauen See; heute garantiert seeräuberfrei. Unter der Ufermauer badete im tadellos sauberen Wasser dafür ein einsames Stockentenmännchen (Erpel) im Prachtkleid und mit unbedeckten, orangefarbenen Beinen. Und als ich sagte, davon rühre wohl der Name des Gerichts „Canard à l’ Orange“ schwamm der wunderschöne Schwimmvogel verängstigt davon; ich werde mich in Zukunft hüten, in Anwesenheit von Enten derartige Bemerkungen von mir zu geben.
 
Le Floris
Da es Mittag geworden war, fuhren wir zum Gastrotempel „Le Floris“ in Anières (www.lefloris.com) zurück. Ein angenehm gegliederter Flachdachbau, zum See geöffnet – die Farbe Orange dominiert auch dieses Haus, selbst das Logo, ein Blümchen, das aus einer Wellen-Dreifaltigkeit herausquillt. Ich hatte 4 Plätze reservieren lassen – an herrlicher Aussichtslage oberhalb des Genfersees, der hier nur knapp 4 km breit ist. Gegenüber ist Versoix-Le Bourg.
 
Der berühmte Küchenchef Claude Legras, eine lebensfrohe Persönlichkeit mit ergrautem, kurzem Kinnbart und ebenso angegrauten Schläfen, und seine zahlreichen Angestellten begrüssten uns in dem stil- und lichtvollen, grosszügig gestalteten, in dezentem braun-orangefarbenem Speiseraum betont freundlich. Der Chef ist selbst als Schweizer mit dem Titel „Meilleur Ouvrier de France“ ausgezeichnet worden – der beste Arbeiter von Frankreich, ein Kunsthandwerker fürwahr. Auf dem runden Tisch schaute eine grosse, weisse Orchideenblüte aus grauen Kieseln hervor.
 
Eine Bekannte aus Genf, Julie, hatte mir diesen Ort empfohlen. Der Tip schien untadelig zu sein, bereits aufgrund des ersten Eindrucks. Ein Kellner servierte mit der Speisekarte 4 × 4 Appetizers auf einer leicht nach oben gewölbten Porzellanschale: eine Art Avocado-Luxemburgerli, Mini-Apfelküchlein vom Granny Smith, Schiffchen mit gewürzten Peperoniwürfeli, belegt mit einem Sardinenstück und einem im Bierteig gebackenen Fisch.
 
Wir entschieden uns für das Gourmand-Menu, das mit einer Gazpacho, Crème brûlée mit Basilikum und einem Käsegemisch (Chèvre, Parmesan und Ricotta), serviert auf einem Crostino, der italienischen Toast-Abwandlung, begann. Wir tauschten die Langustenvorspeise durch eine vegetarische Variante aus: hauchdünn geschnittene, zu Säulen gerollte grüne, rote und schwarze Radieschen, verschiedenartig gefüllt mit Gemüse wie Erbsen, Shiitake (japanischer Pilz, der als Heilmittel und Delikatesse geschätzt ist) in den Farben des Sonnenaufgangs, dazu ein Erdnussdip „Huasheng“. Im Originaltext: Radis vert aux légumes du Soleil Levant, / radis rouge au soja et pois gourmands, / radis noir au riz, shiitakes, cacahuètes, et petite sauce Huasheng.
 
Einen Schluck Aligoté 2009 aus dem Weingut des Curiades in Lully GE, ein robuster, kräftiger, goldener Weisswein aus der ausserhalb von Savoyen vernachlässigten Rebsorte, tranken wir dazu beinahe andächtig. Urs lobte die herbe Kraft dieses Weins besonders.
 
Der Hauptgang bestand aus einem grossen Stück Genfersee-Forelle mit der silberglänzenden Haut. Sie wurde mit einer Chasselas-Sauce aus Wein befeuchtet, der in Anière heranreifte, wenn ich den Speisekarten-Text („sauce au chasselas d’Anières“) richtig interpretierte; in diesem Ort gibt es tatsächlich ein Weingut („La Côte d’Or“). Frische Kräuter und in eine Tomate gefülltes provençalisches und zu Timbales verarbeitetes Gemüse belebten den aussergewöhnlich delikaten, fangfrischen Fisch. Grob gemahlener Pfeffer und mit Merlot rot gefärbtes Salz standen bereit. Ungewohnt und sich doch tadellos einfügend, erschien der rote „L’Ancolie 2006“ von der Domaine Frédéric Zufferey in Sierre VS, ein leichter Gamay, eine Rarität.
 
Ein Kellner, vom Angebot des Hauses begreiflicherweise zu 100 Prozent überzeugt, erklärte uns, zwischen Französisch und Englisch schwankend, die einzelnen Gänge in jener Tonlage, wie sie Ansagern von Musikern oder anderen Berühmtheiten mit Weltbedeutung eigen ist – jedes Detail ein Gedicht, ein Meisterwerk. Und schliesslich empfanden wir das ja auch so. Das galt auch für das Dessert: „Verrine acidulée de fraises et espuma rhubarbe“ Verrine bedeutet „in einem Glas serviert“, acidulé heisst säuerlich. Zu dieser Geschmacksrichtung trugen auch Orangen- und Pampelmusenfilets bei, alles von Rhabarberschaum bedeckt. Anita half mir beim Notieren der Küchengeheimnisse.
 
Das war nötig. Noch selten habe ich ein derartig aufwendig zubereitetes Menu gegessen, ein Fest des Aussergewöhnlichen, ein Gedicht im Sinne von verdichtetem Geschmack. Wir alle waren des Lobes voll, fühlten uns gesättigt und doch leicht, umfangen von der welschen Leichtigkeit des Seins, weit, weit weg von der Deutschschweiz. Die deutsche Sprache kennt man im Le Floris nicht, ein weiterer Beitrag zum Authentischen. Auch in der Stadt Genf scheint man nicht zu wissen, dass es überhaupt solch eine Sprache gibt. Aber das ist keine Geringschätzung des urigen Volks hinter dem Röstigraben, sondern man hat hier ja eine eigene starke Kultur, lebt und bewahrt sie und sieht keinen Bedarf nach nördlicher, hinterwäldlerischer Exotik mit einer Ausdrucksweise, die im Hals kratzt. Dieser ist für sanftere Genüsse bestimmt.
 
Welschlandjahr-Spuren
Unsere Reise nach Anières war begründet: Eva hatte im zarten Alter von 16 Jahren hier ein sogenanntes Welschlandjahr absolviert. Sie war an einem steilen Bündner Abhang in Malix in einer Grossfamilie aufgewachsen und sollte nun etwas weite Welt und die französische Sprache kennenlernen. Schon die Reise nach Genf dürfte für sie damals, 1957, eine Herausforderung gewesen sein – eine Weltreise. An einen Urlaub zum Besuch ihrer eigenen Familie während des rund 8 Monate dauernden Aufenthalts war schon aus finanziellen Gründen nicht zu denken; die Bahnfahrt durch die ganze Schweiz wäre unerschwinglich gewesen.
 
Eva hatte Glück. Die Familie Malignon war ihr von einer Absolventin der Bäuerinnenschule in Schiers GR empfohlen worden. Es handelte sich, genau genommen, um die Familie Jean Malignon, Les Brisants (so lautete die Adresse damals noch), die 2 Kinder hatte: Philippe und Françoise. Der Hausherr hatte 1954 zusammen mit Simon Schwok in Genf eine Krawattenfabrik für den Luxusbereich übernommen, an der er bis 1983 beteiligt war. Die Krawatten, im 17. Jahrhundert als Halstuch von den Söldnern Louis XIII. entstanden, verbreiteten sich als Symbol des Konservativismus und Konformismus, waren früher wichtiger als heute. Die Geschäfte gingen gut, aber die Familie blieb auf dem Boden.
 
Beim Erforschen der Krawatten-Geschichte habe ich herausgefunden, dass Monsieur Malignon mit seinem Partner die 1919 gegründete Fondation d’Anthime Mouley à Genève übernommen hatte. Das Unternehmen setzte auf beste Qualität und produzierte für Lanvin; das Unternehmen arbeitete später, in den 1980er- und 1990er-Jahren, auch für Cerruti und Nina Ricci. Offenbar schied Jean Malignon 1983 aus dem Unternehmen aus, wahrscheinlich altershalber.
 
Für Eva war es schwierig, das Haus nach der langen Zeit – über 50 Jahre – am südlichen Dorfeingang in der Nähe der Corsier Port wieder zu finden. Wir begaben uns deshalb zur Mairie, dem Rathaus, am oberen Ende des lockeren Dorfzentrums. 2 Kanzlistinnen bemühten sich sehr, nachzuschauen, wo die Familie Malignon gewohnt haben könnte – und sie wurden fündig: am Chemin du Nant-d’Aisy 15. Auf dem Ortsplan, der uns ausgehändigt wurde, erkannte Eva die Stelle aufgrund der Bautenanordnung sofort, und wir wanderten schnurstracks dorthin, gestärkt, wie wir ja waren.
 
Das Malignon-Haus stand noch hinter einem geschlossenen, leicht geschwungenen, braun gebeizten Eingangstor da; die Bretterfassade unter dem mit Ziegeln gedeckten Satteldach, mit einem kleinen, ebenfalls schräg überdachten Vorbau und einer Garage. Eva zeigte zu einem Fenster in der Hausmitte im 1. Stock, das mit einer Längs- und einer Quersprosse versehen ist, und strahlte: „Dort war mein Zimmer.“ Zwar hatte sie keinen Seeblick; doch konnte sie von der Küche aus beobachten, wenn die Mutter von Madame mit ihrem Mercedes heimfuhr. Das war einmal. Auf dem Briefkasten stand „Schneiter“ – und das deutete daraufhin, dass die Malignon-Ära beendet war.
 
Hier sei sie so etwas wie ein „Mädchen für alles“ gewesen und immer sehr gut behandelt worden, erinnerte sich Eva. Noch jahrelang hat sie deshalb anschliessend mit der Familie Neujahrskarten ausgetauscht. Pro Woche hatte sie einen halben Tag frei und fuhr dann mit dem Tram – inzwischen durch den Busbetrieb ersetzt – nach Genf, um zu schauen, was sie hätte kaufen können, wäre ihr Lohn, an den sie sich nicht mehr erinnern kann, etwas grösser gewesen – es mögen etwa 60 CHF im Monat gewesen sein. So arbeitete sie also im Wesentlichen für Kost und Logis. Doch diese Phase war für ihre Entwicklung wichtig, erweiterte ihren Horizont, lehrte sie den Umgang mit anderssprachigen Menschen und fremden Sitten in einer ungewohnten Umgebung.
 
Es war ein bewegender Moment für Eva, doch einer ohne jede Sentimentalität. Ein Rückblick auf einen kurzen Abschnitt eines langen Lebens, an den sie sich gern erinnert. Und es ist ja das Erinnerungswürdige, was zählt – an jenem Tag war es die Bekanntschaft mit Hermance, das Essen im Gasthaus „Le Floris“ und das Haus Malignon.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Genf
13.05.2010: Waadtland-Gastronomieeinflüsse aufs kosmopolitische Genf
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