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     January 20, 2020 09:46 CET
 


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Wo gibt es noch Gottesanbeterinnen?

Können Sie mir sagen, wo man in der Schweiz noch eine Gottesanbeterin findet? Im Rahmen eines Berichtes über Insekten möchte ich ein paar Zeilen darüber schreiben.
P.G., CH-2500 Biel

Antwort: Über die Verbreitung der Gottesanbeterin (Mantis religiosa L) existiert nur wenig Literatur; doch es gibt sie – die Literatur und das sympathische Tierchen, das ebenso selten geworden ist.

Dieses stumme, heuschreckenähnliche Insekt mit dem wegen der breiten Stirn dreieckigen Kopf und langen, nach vorn vorgestreckten Fangarmen, das an eine betende Person erinnert, kommt nur in den wärmern, südlichen Gegenden der Schweiz vor, z.B. den Walliser Weinbergen, auch im Vispertal. In Deutschland soll es nur noch am Kaiserstuhl (Baden) und – logischerweise – auf dem Himmelsberg (Saarland) anzutreffen sein. In Frankreich gibt es Gottesanbeterinnen u.a. in der Camargue. Sie hüpfen im Herbst bis weit die Hänge hinauf, allerdings in geringerer Anzahl als früher, denn sie haben den vom Menschen beeinflussten ökologischen Wandel nicht unbeschadet überstanden.

Die Gottesanbeterinnen sind nicht so lammfromm, wie der Name suggeriert; in dieser Gesellschaft geht es gelegentlich sogar brutal zu: Sie gehören zu den Fangheuschrecken und sind also räuberische Insekten. Das liebestrunkene Männchen riskiert es gelegentlich, gefressen zu werden, wenn es im Rausch der Begattung nicht vorsichtig genug ist. Das Weibchen kann ihm während des Kopulationsvorganges den Kopf abbeissen, woraus offensichtlich wird, dass bei Gewalt in der Partnerschaft nicht unbedingt immer nur Männer die Täter sind...

Laut dem englischen Zoolgen R. Dawkins scheint der Verlust des Kopfes den hinterbliebenen Rest des Männchenkörpers aber nicht unbedingt von seinem sexuellen Schwung abzubringen, und die Befruchtung kann dennoch zustande kommen. Ein Naturwunder. Daraus aber den Kurzschluss zu ziehen, dass es sich bei solchen Zeugungsvorgängen um eine kopflose Sache handelt, wäre allerdings falsch. Das trifft wirklich nur auf die Herren Gottesanbeter zu...

Der kannibalische Vorgang in temperamentvollen Gottesanbeterfamilien hat bei aller Tragik seine Vorteile: Die eben gezeugten Jungen erhalten dadurch genau die richtigen Nährstoffe, das Weibchen hatte eine gute Mahlzeit und ist den soeben unnütz gewordenen "Alten" los...

Um wieder ernsthaftere Töne anzuschlagen und auf Ihre Frage einzugehen: Spezielle Informationen über Gottesanbeterfamilien sind in der "Documenta Faunistica Helvetiae 16", dem Verbreitungsatlas der Orthopteren der Schweiz zu finden. Darin sind Laubheuschrecken, Grillen, Feldheuschrecken und eben auch die Gottesanbeterin (Mantodea) erfasst (1997). Dieser Atlas von Philippe Thorens und Adolf Nadig behandelt alle bis dahin in der Schweiz nachgewiesenen Arten der Laubheuschrecken, Grillen und Feldheuschrecken sowie eben die Gottesanbeterin.

Die bis dahin letzte umfassende faunistische Veröffentlichung über diese Tiergruppen war zu Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen. Das nun erwähnte neuere Buch ist ein unerlässliches Hilfsmittel im Hinblick auf ein vermehrtes Wissen und damit zum dringend nötigen besseren Schutz dieser Insektengruppe und vor allem ihrer Lebensräume. Tier- und Pflanzenschutz heisst in erster Linie immer Lebensraumschutz.

Die einführenden Kapitel geben einen historischen Überblick über die orthopterologische Forschung in der Schweiz, sodann über die Systematik, die Faunistik und die Beobachtungsmethoden. Für jede der 111 in der Schweiz nachgewiesenen Arten finden sich Angaben über die bevorzugten Lebensräume, die Bedrohung, die Anfälligkeit auf Gefahren, die Verbreitung (mit Karte), die Höhenverbreitung und die Phänologie mit Abbildungen. Erwähnt sind auch 16 weitere, nicht etablierte, unbestätigte oder grenznahe Arten. Der Atlas umfasst 236 Seiten: 10 zweisprachige Einführungskapitel (französisch und deutsch), 127 Artentexte (französisch), 7 Zeichnungen von Arten von 7 der 9 Familien, 196 bibliographische Referenzen und einen dreisprachigen Index (französisch, deutsch und italienisch).

Hier die bibliografischen Daten: "Atlas de distribution des orthoptères de Suisse: sauterelles, grillons, criquets (Orthoptera), mante religieuse (Mantodea)" (Verbreitungsatlas der Orthopteren der Schweiz: Laubheuschrecken, Grillen, Feldheuschrecken [Orthoptera]), Gottesanbeterin [Mantodea]) von Philippe Thorens und Adolf Nadig; Redaktion: Willy Matthey. Neuchâtel: Centre cartographique de la faune, 1997. 236 p.

W.H.

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