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Japanische Altersgeheimnisse

Eben habe ich Folgendes gelesen:
"Japaner haben die höchste Lebenserwartung

Tokio, 31. Juli 2002 (AFP) – Japaner werden weltweit am ältesten. Männer konnten im vergangenen Jahr damit rechnen, 78 Jahre alt zu werden, Frauen sogar fast 85 Jahre, wie das japanische Gesundheitsministerium am Mittwoch stolz vermeldete. Bereits im 17. Jahr in Folge hielten japanische Frauen den Weltrekord bei der durchschnittlichen Lebenserwartung, die Männer führten die Liste im zweiten Jahr in Folge an. Die Frage ist nun: Wie kann man dies erklären? Japan ist wohl die Nation, die am meisten Plastik verbraucht, alles in Treibhäusern anbaut, alles industriell verarbeitet, und dem Essen am meisten MSG (monosodium glutamate) zusetzt. Sie rauchen wie verrückt, wohnen in engsten Räumen in überfüllten Städten, drücken sich in der U-Bahn täglich beinahe zu Tode? Und leben trotzdem am längsten? Eine Denksport-Aufgabe für alternative Denker im Textatelier.
Rolf P. Hess. Coralpoint, Mactan, Cebu, Philippines

Antwort: Danke, lieber Rolf, für diese gute Frage und das treffende Japaner-Kurzporträt aus erster Hand, entstanden aus Deinen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen. Da ich schon häufig über Aspekte der Lebenserwartungs-Zahlen im Allgemeinen (alternativ) nachgedacht habe, kann ich Dir die Antwort aus dem Ärmel schütteln.

Auf den japanischen Inseln gibt es viel unwirtliches Land, und wo die etwa 100 Millionen Menschen leben, ist ein fürchterliches Gedränge. Die Japaner waren deshalb immer zur Minimisierung gezwungen, nicht nur in der Elektronik, sondern auch beim erdlosen Gemüseanbau. Selbst die CDs werden von ihnen noch als zu sperrig empfunden... Zudem scheinen sie diese Minimierung auch auf ihre eigene Körpergrösse angewandt zu haben; dazu trug wahrscheinlich ihre traditionell gesunde und spartanische Ernährungsweise bei. Man findet im Land praktisch keine übergewichtigen Menschen, obschon dicke Männer ein hohes Ansehen haben; zu diesen gehören die Sumo-Ringer, wahre Fett- und Fleischberge: Musashimaro, einer der erfolgreichsten, brachte es auf über 200 kg Körpergewicht.

Die Japaner sind ein innovatives Volk und feierten Erfolge. Ihre Wirtschaft war jahrzehntelang ein weltweit bewundertes und nachgeahmtes Erfolgsmodell, allerdings ein vorübergehendes. Selbst die Sonne kann nicht immer nur aufgehen. Gelegentlich wird es Abend. Die Erschütterungsfreiheit war eine Illusion gewesen.

In unserer Moderne zählt immer das Mess- und Zählbare, auch im Sport und in der Wirtschaft. Alles reduziert sich auf Zahlen. Wir lassen uns von Zahlen beeindrucken, und beim näheren Hinschauen fallen solche auf Mathematik reduzierten Erfolgsmodelle in sich zusammen – genau wie die messbare Lebensdauer auch, wie noch darzulegen sein wird.

Tatsächlich haben die Japaner eine rekordhohe Lebenserwartung. Da könnte man sagen, der häufig verwendete Geschmacksverstärker Glutamat oder das jeden Morgen getrunkene Yakult, ein vor rund 70 Jahren entwickeltes fermentiertes Milchgetränk, sei daran schuld, oder das Hors-sol-Gemüse, oder die Vorliebe für Walfischfleisch aus verbotenem Fang. Insgesamt ist ihre Ernährung sicher gesundheitsfördernd, wie gesagt, und das viele Glutamat scheint sich nicht besonders negativ auszuwirken, was mich nicht überrascht.

Im Übrigen ist die Sache ist relativ einfach durchschaubar: Japan hat ein ausserordentlich gut ausgebautes und ausgesprochen teures Krankheitswesen, das ständige Steuererhöhungen provoziert, die Investitionsfreude einschränkt und seinen Teil an die Rezession beigetragen hat. Es belegt kostenmässig (auf Zahlen reduziert) den 2. Platz hinter den USA. Das bedeutet doch nichts anderes als dies: In Japan sind die Menschen intensiv verarztungsbedürftig, und es ist auch bekannt, dass die Japaner ausserordentlich lange Spitalaufenthaltszeiten kennen. Sie sind einsame Spitze, was die Zahl der Krankenhausbetten je 1000 Einwohner betrifft; solche Rekordleistungen werden dann weniger lautstark und stolz verkündet. Laut einer Statistik der Österreichischen Wirtschaftskammer (Stand: 1998) gab es pro 1000 Japaner 16,5 Spitalbetten; an 2. Stelle folgen weit abgeschlagen die Niederlande mit 11,3, Irland mit 10,1 und weit hinten Schweden mit 3,8. Gut, die Zahlen sind etwas veraltet, und sie sind ebenfalls Ausflüsse von Statistik, zugegeben. Und man könnte ja das japanische Gesundheitsdebakel statistisch etwas beschönigen, indem man die Kosten ins Verhältnis zu irgendwelchen ehemaligen Wirtschaftsleistungen oder zum Konsumverhalten setzt. Das wird auch gemacht.

Mit Zahlen kommt man nicht weiter, schon eher mit alternativem kritischem Nachdenken: Auch in zentraleuropäischen Ländern (inkl. in der Schweiz) hört man als ritualisiert vorgetragenes Argument, sobald von den unablässig überproportional steigenden ("explodierenden") Krankheitskosten die Rede ist (die in der Regel kühn zu "Gesundheitskosten" umfunktioniert werden), die Leute würden halt immer älter. Und da Alter schlicht und ergreifend mit Krankheit gleichgesetzt wird, hat man gleich die Erklärung.

Ein Teil der höheren Lebenserwartung beruht vielmehr eindeutig darauf, dass man die Menschen nicht mehr sterben lässt, auch wenn sie es noch so sehr wünschen (siehe "Todeswünsche respektieren" im Lebensstil-Ratgeber des Textateliers). Viele Menschen, die sich in einem gesundheitlich jämmerlichen Zustand befinden, liegen jahrelang bei intensivmedizinischer Betreuung in irgendeinem Behandlungsraum und hoffen, bald sterben zu dürfen. Auch diese Menschen erhöhen die Lebenserwartung, beeinflussen die Statistik positiv.

Und damit sind wir beim Wesentlichen: Was zählt, ist nicht einfach jedes Lebensjahr, nicht einfach jeder einzelne gewonnene Kalendermonat, sondern lebenswert ist ausschliesslich die Zeit, die man einigermassen beschwerdefrei bei guter körperlicher und geistiger Verfassung verbringen kann. Sicher schlägt jene Zeit nicht positiv zu Buche, die man in Spitälern mit ihren Operationssälen oder in Chronischkrankenheimen verbringen musste, die man im Medikamenten-Dusel erlebte oder in einem von Schmerzen und Depressionen geprägten Zustand durchmachen musste. Wie gross der Anteil der lebenswerten Jahre (mit einer akzeptablen Lebensqualität) ist, lässt sich statistisch nicht erfassen. Denn da würde man sich sogleich in Definitionsprobleme verhaspeln.

Dazu ein auflockerndes Zitat: Eine französische Journalistin gratulierte 1949 George Bernhard Shaw (1856–1950) zum 93. Geburtstag und fragte nach seinem Befinden:"Liebes Kind", antwortete er, "in meinem Alter fühlt man sich entweder Wohl, oder man ist schon lange gestorben."

Es wäre allzu schön, wenn diese Maxime allgemeingültig wäre...

Die Japaner würden mir wirklich imponieren, wenn sie alt würden, ohne Krankheitskosten in ruinöser Höhe zu verursachen. Vielleicht ist die gesundheitliche Leistung der armen Albaner vergleichsweise beachtenswerter, die bei einem rudimentären Krankheitswesen nur etwa 3 Jahre weniger Lebenserwartung als die Japaner haben – und dies trotz der gelegentlich noch betriebenen Blutrache, eindeutig Gift für die Lebenserwartung...

Die Mathematik und damit auch die Statistik geben vor, präzise Wissenschaften zu sein. Aber sie sind auf das Alltagsgeschehen überhaupt nicht anwendbar. Es sind sträfliche Verkürzungen und unzulängliche Vereinfachungen von komplexen Zusammenhängen, was zu irreführenden Schlussfolgerungen führt. Wenn mehrdimensional vernetzte gesellschaftliche Zustände auf eine einzelne einsame Zahl heruntergebrochen werden, kann man damit alles beweisen, und damit ist auch gesagt, dass diese Zahl keine Antworten gibt, oder eben falsche.

Jetzt hoffe ich nur, dass wenigstens diese Antwort aus der alternativen Denksport-Ecke richtig war. Ich bin einigermassen zuversichtlich.

Walter Hess

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