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     October 19, 2019 20:08 CET
 


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Ohrenpflege - Oder: Wie kann man einen Hörsturz verhindern?

Ich bin gegenwärtig mehr als 82 Jahre alt und eigentlich bei guter Gesundheit. Allerdings bin ich seit etwa 2 Jahren schwerhörig geworden. Der Arzt wollte mir sofort ein Hörgerät verschreiben. Es gebe keine andere Möglichkeit! Das Hörvermögen könne nie mehr zurückgeholt oder verbessert werden. Ich habe entrüstet abgelehnt. Ich hatte vor kurzem Besuch bei einem anderen Arzt und bekam dasselbe Ergebnis. Notgedrungen trage ich nun ein Hörgerät.
Was mich daran ärgert und empört: Keiner der Ärzte war in der Lage, mir eine Pflegeanleitung für meine Ohren zu geben oder mir zu sagen, wie ich eine Schwerhörigkeit im Alter hätte vermeiden können, wenn ich rechtzeitig vor Jahren diese oder jene Ohrenpflege angewandt hätte. Beide Ärzte hatten offenbar keine Lust, mir zeitraubende Auskünfte zu geben oder mir womöglich eingestehen zu müssen, selbst keine Ahnung zu haben! Im "Hör-Studio" sass eine frisch von der Schule gekommene "Hörgeräte-Akustikmeisterin", die mir etliche Fabrikate zur Auswahl vorlegen konnte. Meine Pflege-Fragen jedoch konnte sie nicht beantworten.

Walter F.A. Born, D-21075 Hamburg

Antwort: Sie haben schon Recht: Ursachenforschung ist nicht eben das Steckenpferd unserer Hochschulmedizin. Die Wissenschaftler und die Ärzte müssten krankheitsverhütend wirken und gesundheitserhaltende Tips geben; vor jenen wenigen, die es tun, ziehe ich den Hut. Aber die Wissenschaft will von der Erforschung der Krankheitsursachen fast nichts wissen, weil damit – im Gegensatz zur Therapie – kaum Geschäfte verbunden sind. Ärzte und Wissenschaftler, die ungenügend aufklären, sollte man an den Ohren ziehen.

Ohrerkrankungen, die ständig zunehmen, können den Zivilisationsschäden zugeordnet werden. Auch die sogenannte Menière Krankheit (Ohrensausen, kombiniert mit Schwindel und Schwerhörigkeit) ist häufig geworden. In unseren Breitengraden erleidet etwa jeder 10. Erwachsene einen Hörsturz, gefolgt von Hörverlust und Ohrensausen. Ursachen können Infektionen, Stress (zu viel und Belastendes um die Ohren haben), ständiger Lärm, ein lauter Knall usf. sein. Oft ist auch die Blutzirkulation und damit die Sauerstoffzufuhr ungenügend oder gestört, manchmal als Folge sportlicher Betätigungen, die das Blut aus dem Kopf abziehen. Auch bei Bergwanderungen (und einer schnellen Überwindung von Höhendifferenzen überhaupt, auch beim Fliegen) ist Vorsicht geboten. Viele Berggänger stopfen Watte in die Ohren.

Der Münchner Facharzt Maximilian Bajog hat zur besseren Durchblutung des wichtigen Organs Ohrmassagen empfohlen, die mit den Handballen beider Hände durchgeführt werden: Zuerst wird der Knochenvorsprung hinter dem Ohrläppchen mit kreisenden und dann schiebenden Bewegungen unter sanftem Druck leicht massiert. In gleicher Weise kommt dann der Bereich vor dem Ohr beim Ohrmuschelansatz an die Reihe – bei leicht geöffnetem Mund. Die Ohren lieben es, massiert zu werden. In der chinesischen Tuina-Massage werden die "Löffel" durchgeknetet, bis sie "glühen".

Das unbekannte Sinnesorgan, das uns die akustische Welt erschliesst, besteht aus dem inneren, dem mittleren und dem äusseren Ohr. Zum Aussenohr gehören die Ohrmuschel (Schalltrichter und -dämpfer) und der Gehörgang. Die Muschel ist in Bezug auf Grösse, Form und Modulierung individuell verschieden gestaltet. Zusammen mit Nase, Augen usf. gibt sie dem menschlichen Kopf ein spezielles Gepräge, je nachdem ob sie sich klein oder gross (im Alter wächst die Ohrmuschel noch), anliegend oder abstehend und mit verwachsenen oder freien Ohrläppchen präsentiert. Die Stütze des äusseren Ohres ist der elastische Ohrknorpel. Die Ohrläppchen dienen meistens als willkommene Aufhängevorrichtung für allerlei Schmuck.

Die Ohrhärchen beim Eingang ins Ohr dienen wie ein Vorhang als Schutzeinrichtung gegen unbefugte Eindringlinge. Viele Leute rasieren sie oder reissen sie aus, was selbstverständlich falsch ist. Damit wären wir bei der ohrpflegerischen Massnahme Nummer 1: Ohrhärchen nicht entfernen.

Der Ohrknorpel setzt sich in den etwa 2,5 bis 3,5 cm langen, leicht gebogenen äusseren Gehörgang fort. Die knorpelige Höhle ist mit einer zarten Haut ausgekleidet und ebenfalls mit feinen Flimmerhärchen besetzt. Dieser Gang reinigt sich normalerweise von selbst – das geschieht unendlich viel eleganter als dies ein sich selbst reinigender Backofen tun kann. Das Wachstum der Gehörgangshaut (Gehörgangsepithel) ist nach aussen gerichtet (Emigration), und dadurch wird das neu gebildete Hautfett (Ohrenschmalz, Cerumen) zusammen mit den Hautschuppen und allfälligen Unreinheiten ganz langsam nach aussen befördert; es kann gewissermassen ablaufen, zumal der Gehörgan ein leichtes Gefälle nach aussen hat. Die Bewegung der Flimmerhärchen unterstützt diesen erstaunlichen Reinigungsvorgang.

Hautfett muss immer vorhanden sein. Es hat eine wichtige schützende Funktion und sogar eine bakterizide (Bakterien abtötende) und fungostatische (das Wachstum von Pilzen hemmende) Wirkung[1]. Das Fett ist selbstverständlich auch dann ein Schutz, wenn beim Baden verunreinigtes, bakteriell belastetes Wasser ins Ohr eindringt, was mit Badewatte verhindert werden kann. Die bakteriellen Infektionen äussern sich als Entzündung (Otitis externa)[2]; Bakterien und Pilze können sich über den ganzen Gehörgang verteilen.

Anfängliche Anti-Hörgeräte-Reaktionen sind verständlich. Jeder gesunde Mensch wehrt sich gegen Krücken, wozu auch die Brille oder Kontaktlinsen zu zählen sind. Solche Geräte haben – neben dem unbestreitbaren Nutzen – immer auch Nachteile: Das Ohrpassstück des Hörgerätes erhöht die Feuchtigkeit im Ohr, was Gehörgang-Entzündungen begünstigen kann (ähnlich wie Watte, die ins Ohr geschoben wird und längere Zeit drinnen bleibt). Je trockener der Gehörgang ist, desto besser (nach dem Baden oder Duschen empfiehlt sich das Föhnen). Feuchte Ohren sind häufiger, wenn der Gehörgang (Exostose) wegen einer entsprechenden Knochenkonstruktion eingeengt ist.

Die Ohrschmalzproduktion ist mengenmässig individuell verschieden. Ist die Produktion zu gross, kann das Hörvermögen leiden; in diesem Fall muss es von Zeit zu Zeit sorgfältig herausgespült werden. Jedenfalls ist Ohrenschmalz kein Schmutz und schon gar kein Abfall aus der Gehirntätigkeit, wie man früher annahm. Wenn es beim Ohreingang in Erscheinung tritt, kann man es mit dem Waschlappen entfernen.

Daraus ergibt sich die Massnahme Nr. 2 von selbst: Das Reinigen des Gehörganges mit Wattestäbchen ist unbedingt zu unterlassen. Dort haben auch Büroklammern und Kugelschreiber nichts zu suchen.

Mit den Wattestäbchen wird nicht nur die schützende Fettschicht entfernt, sondern sie wird vors Trommelfell geschoben. Die Gefahr einer Verbarrikadierung dieser Membran (Membrana tympani) ist deshalb gross, weil der Gehörgang etwa 1 cm vor dem Trommelfell eine Verengung hat, wo sich auch Fremdkörper verfangen können, und dahinter eine Art Tasche folgt, die sich allmählich mit hingeschobenem Schmalz auffüllt. Zwar muss das Trommelfell immer mit etwas Fett versehen sein, wenn seine Verkalkung verhindert werden soll. Diese Einfettung geschieht automatisch, und das Fell bleibt elastisch. Aber verdichtete Fettpfropfen sind dort unerwünscht.

Wattestäbchen sind zudem eine eigentliche Landplage: Die Kunststoffstäbchen werden oft (wie Zahnseide auch) einfach in die Toilette geworfen und gelangen mit dem Klärschlamm auf die Äcker, die manchmal damit regelrecht übersät sind.

Für den Fall, dass es doch einmal zu einem Fettpfropfen kommt, gibt es die Ohrkerzen, wie sie schon die Hopi-Indianer in Nordost-Arizona benützt haben sollen. Diese Kerzen bestehen aus Bienenwachs in Röhrchenform und pulverisierten Kräutern. Der auf einer Seite liegende Patient stellt die Kerze auf den Ohreneingang. Sie wird nun abgebrannt, wobei das Ohrschmalz durch die angenehme Wärme aufgeweicht und durch die Kaminwirkung herausgezogen wird –, eine angenehme, durchblutungsfördernde Wärmetherapie, der chinesischen Moxa-Zigarre der Akupunkteure ähnlich. Die Wärmereize wirken auch auf die Mittelohrknöchelchen bis hin zum Gleichgewichtsorgan und durch die Eustachische Röhre bis in den Rachen hinein, wodurch ein wohltuendes, befreiendes Gefühl entsteht. Der minime Unterdruck, der beim Abbrennen der Kerzen entsteht, wirkt auf den Sekretfluss stimulierend; verstopfte Poren werden wieder freigelegt. Man kann diese sanfte Behandlungsart auch bei Ohrengeräuschen (Tinnitus) versuchsweise anwenden. Wunder sind nicht zu erwarten, aber vielleicht doch eine Linderung.

Eine andere Lösung stammt von Pfarrer Johann Künzle in Zizers GR (1857-1945), der auch die Ohrenfunktion genau kannte und den kranken Menschen vielseitig half. Er wurde von Ärzten als Aussenseiter empfunden und wie ein Krimineller behandelt. Bei Verhärtungen des Ohrenschmalzes empfahl er, den äusseren Gehörgang mit 1 bis 2 Tropfen Rizinusöl einzufetten.

Hinter dem runden Trommelfell befindet sich das Mittelohr, die so genannte "Paukenhöhle". Darin finden sich 3 winzige Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel genannt). Sie übertragen die feinsten Schwingungen auf das Innenohr.

Wer das Mittel- und Innenohr (mit Schnecke und Gleichgewichtsorganen) schädigen möchte, kann dies mit Hilfe von "ohrenbetäubendem" Lärm tun, der von Maschinen, aus Lautsprechern (Diskotheken) oder Kopfhörern stammen kann. Viele Orchestermusiker schützen sich deshalb mit Ohrenpfropfen. Die Schallwellen werden über das Aussen- und Mittelohr wie auch über Schwingungen der Schädelknochen (insbesondere die hohen Frequenzen) zur Schnecke im Innenohr transportiert. Auf der Basilar-Membran wird dort drinnen eine Wanderwelle ausgelöst, wobei Haarzellen (Rezeptoren) erregt werden, mit wachsender Lautstärke zunehmend. Die Informationen werden dann über die Hörbahn ans Gehirn übermittelt, wo die komplexen Muster analysiert und verarbeitet werden.

Die hier sehr vereinfacht beschriebene Ohr-Anatomie lässt erahnen, mit welch ausgeklügeltem und auch empfindlichen Instrument wir es zu tun haben. Das Herumstochern, die Störung des Reinigungseffektes und Lärmtorturen können dieses Organ mit der Zeit ruinieren. Man sagt zwar, mit zunehmendem Alter lasse das Gehör nach, der Frequenzbereich werde reduziert. Das mag ein natürlicher Ablauf sein. Aber es ist zweifellos so, dass der Missbrauch der Ohren durch falsche und unnötige Innenreinigungen inkl. mechanische Beschädigungen sowie akustische Überstrapazierungen verheerende Wirkungen haben können, die weit stärker ins Gewicht fallen als der normale Alterungsprozess.

Wer ein offenes Ohr für Hinweise über den richtigen Umgang mit diesem Organ hat, kann irreparablen Schaden vermeiden.

Walter Hess

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[1] Pilzinfektionen im Ohr sind als weisslicher bis dunkelbrauner Belag im Gehörgang zu erkennen.
[2] Ohrenentzündungen lassen sich gut diagnostizieren: Ein Druck auf die knorpelige Erhebung am äusseren Ohr oder das Ziehen am Ohrläppchen sind schmerzhaft.

Der akustische Zweck der Ohrmuschel

Der eintreffende Schall wird im Ohr von der Gegenschnecke aufgeteilt. Eine Schallwelle führt vom Rand der Gegenschnecke direkt zum Gehörgang; die andere dagegen führt entlang der ähnlich einer Flüstergalerie geformten Ohr-Struktur und dann durch die zum Tunnel eingerollte Krempe der Schnecke. Dieser Schallweg ist zirka 66 mm länger. Somit erreicht der Schall den äusseren Gehörgang mit einer Verzögerung von 0,2 Millisekunden. Jedermann kann sich davon selber überzeugen, indem er sich den 2. Schallweg mit einem Finger blockiert. Der Eindruck entsteht, dass das Signal leiser wird und "flach" wirkt.

Es ist erwiesen, dass die Ohrmuschel auch akustisch sehr wichtig ist. Der Grund dieser anatomischen Gegebenheit ist damit zu begründen, dass ein Mensch, wäre er einseitig taub, mit dieser Funktion immer noch die Schallrichtung feststellen könnte. Dies ist historisch wichtig, da das Ohr beim Menschen auch als Warninstrument betitelt wird. Die Ohrmuschel hilft auch bei der Kühlung des Blutes im Kopf. Die Temperatur entspricht im Normalfall dem Ambiente.

Der Schall wird durch den Gehörgang zum Trommelfell geleitet; hier wird die mechanische Belastung über Hammer, Amboss und Steigbügel an das Innenohr (Schnecke) weitergegeben. Die Hörnerven oder Abtastzellen sind in der Schnecke verteilt, bei der Öffnung die Zellen für hohe Frequenzen, und am Ende diejenigen für die tieferen. Hiermit lässt sich erklären, wieso eine Gehörüberlastung mit tiefen Frequenzen das Gehör in den oberen Frequenzen beschädigen kann.

Martin Dürrenmatt, Precide S.A., CH-6834 Morbio TI

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